-

 
 

1. Es begann alles mit einem Kaffee.

M.
Ich weiß, du hast dir noch nie viel aus Kaffee gemacht, doch bei mir fing damit alles an. Ja, es begann alles mit einem Kaffee.
Mein Kaffee ist längst kalt - der in der Tasse hier neben mir. Doch vermutlich auch der metaphorische Kaffee...
Wie dem auch sei, hier ist sie: Hier ist meine Geschichte.

Es begann alles mit einem Kaffee.
Das tat es schon früh: Als ich mit 19 meine erste Abiturprüfung schrieb, nahm ich einen großen, mitgebrachten Schluck Kaffee, bevor ich die erste Seite umschlug und die Aufgaben durchlas. Noch einen, bevor ich den ersten Strich machte, und einen, bevor ich abgab. Ich muss wohl nicht erst sagen, dass ich schon Kaffee getrunken hatte, bevor ich dem Schulleiter zusagte, ich könne an den Prüfungen teilnehmen.
Auch die Abgabe meiner Klausuren oder das Entgegennehmen der Noten begannen mit Kaffee, genauso wie schon die Anmeldung zur Abiturprüfung. Es gab Kaffee beim Abiball.
Es begann wirklich alles mit einem Kaffee. Ich hoffe, wenn ich einmal einen Heiratsantrag bekomme, steht eine Tasse Kaffee in der Nähe, denn ich weiß nicht, was ich täte, wenn ich ohne antworten müsste.
An dieser Stelle möchte ich klarstellen, dass ich nicht süchtig nach Kaffee bin. Ich hab auch erst vor kurzem gelesen, dass man gar nicht von Kaffee süchtig werden kann. Ist bewiesen.
Aber Kaffee schien immer wichtige Dinge oder Entscheidungen einzuleiten. Vielleicht ist es bloß eine bestimmte Phase in meinem Leben, und sie wird vorbeigehen. Oder es war eine Phase, und dann hab ich es zur Tradition gemacht. Jetzt ist es jedenfalls sowas wie ein Glücksbringer. Ich fühl mich sicher, wenn ich diese Routine hab, weil ich weiß, dass ich mich gut entspannen kann, wenn ich mit einer Tasse dasitze. Viele kennen das ja von Tee, aber Kaffee beruhigt mich wirklich. Mehr als jeder Entspannungs- und Nerventee es jemals hat!
Deshalb verbrachte ich den Sommer nach meinem Schulabschluss auch in einer Art Kaffeerausch. (Das, im Gegensatz zur Sucht, kann Kaffee wirklich – er ist ein Alkaloid. Falls das jemandem was sagt. Und er ist die perfekte Droge: Rauschzustand Ja, Sucht Nein. Optimal.)
Ich habe mich treffsicher genau für die Fächer begeistert, die damals noch von der ZVS, der Zentralen Vergabestelle für Studienplätze, betreut wurden: Medizin, Jura, Psychologie, Pharmazie. Zahnmedizin und Tiermedizin hab ich ausgelassen, aber das hat auch nicht mehr viel geholfen. Davon abgesehen interessierten mich noch Kunst und Musik, beides Fächer mit Aufnahmeprüfung.
Dummerweise sahen weder meine Noten, noch mein Talent so aus, als würde ich eine Zulassung bekommen. Ich hatte mit wenig Aufwand gute Noten bekommen, am Ende aber doch bloß einen Schnitt von 2,0 – was sicherlich gut ist, aber nervt, wenn man nur einen Punkt mehr gebraucht hätte, um eine eins vor dem Komma zu haben.
Schließlich beschloss ich, ein Jahr Pause zu machen. Ich blieb eine Weile zuhause und tat nichts, doch es ging mir schnell auf die Nerven, und dann ging ich auf die Reise. Ich sah die Orte, an denen ich mit meinen Eltern bereits gewesen war – ein schickes kleines Dorf in Italien, Disney Land in Frankreich, Berge in Deutschland und das Meer. Dann nahm ich, was ich noch hatte, und ging nach Amerika, doch ich bekam keine Stelle als Tellerwäscher, und so kehrte ich nach Hause zurück. Ich suchte mir einen Job, um noch mehr zu reisen, doch dann war das Jahr auch schon vorbei. Etwas enttäuschend, weil ich eigentlich noch Bali sehen wollte, und weil ich nicht den Eindruck hatte, schon genug von der Welt gesehen zu haben, um reif und erwachsen zu werden, aber jetzt will ich studieren. Da wird man ja angeblich auch reif und erwachsen, oder nicht? Und wie sieht mein Alltag nun aus?
Textmarker, Kugelschreiber, Infoheftchen, Notizblätter (für Pro- und Kontralisten), Kaffeetassen. Das Papierzeug bleibt schon seit Wochen immer gleich, abgesehen von ein paar mehr oder weniger gelben Strichen, aber die Tassen bringen Abwechslung rein. Haha.
Eines schönen Tages – heute – entschied ich, meinen Leidensweg zu dokumentieren. Und hier sitze ich nun, mit Kaffee natürlich, und erzähle von meinen letzten Monaten in der Schule und der Suche nach einem geeigneten Studienfach.
Zeit, mich vorzustellen:
Ich heiße Regiena Woods. Meine Mama ist Lehrerin und malt nebenbei, wollte aber mal Schauspielerin werden und lernte da meinen Vater kennen, einen Hobbyregisseur und Kameramann bei einem Nachrichtensender. Wir haben alle drei grüne Augen und dunkelbraune Locken. Ich habe einen Bruder, der aber zehn Jahre älter ist als ich und von meinen Eltern adoptiert wurde, als er fünf war. Wir haben ein enges Verhältnis, und es wird immer besser, jetzt, wo der Altersunterschied sich nicht mehr so stark auswirkt.
Er studiert Ethnologie und Soziologie und weiß einfach alles.

Das Café du Soleil hatte nach der Mittagspause gerade lange genug geöffnet, dass der erste ausgeschenkte Kaffee, der in einer dunklen Tasse mit dem weißen Logo das Cafés neben einer jungen Frau mit langem blonden Haar stand, bereits kalt geworden war. Sie hatte erst die Hälfte ausgetrunken.
Louisa teilte sich die Schicht eigentlich mit Steffen, doch er hatte kurzfristig angerufen und gesagt, er würde sich verspäten. Er klang gehetzt, daher hatte sie keine genaueren Erklärungen gefordert, doch langsam wurde sie nervös. Mit jeder Minute wuchs das Risiko, dass etwas schief ging, und in den meisten Fällen würde sie nicht wissen, was zu tun war.
Louisa war eigentlich kein ängstlicher Mensch. Ihre Freunde beschrieben sie meistens als wild, mutig, extrovertiert und offen. Stets freundlich, mit einer gewinnenden Art und einem strahlenden, herzerwärmenden Lächeln. Würde etwas passieren, würde keiner ihr glauben, dass es wirklich schlimm gewesen war. Sie würden sagen: „Ach, Lou – du hast das doch bestimmt ganz super gemeistert!“
Mit einem Nervenzusammenbruch vielleicht, dachte sie sarkastisch. Da hörte sie ihren bisher einzigen Gast, eine junge Blondine, seufzen. Sie wollte schon hineilen und fragen, ob sie ihr etwas bringen konnte, da hielt sie inne. Die Frau sah gerade von ihrem Laptop auf und schüttelte den Kopf, scheinbar lief es nicht so gut, und dann markierte sie den ganzen Text, den sie eben geschrieben hatte. Eher intuitiv als wissend, was sie tat, rief Louisa ihr plötzlich zu:
„Nicht!“
Die Frau zuckte unmerklich zusammen, dann sah sie sich vorsichtig um. Vermutlich war sie nicht sicher, ob eine Stimme in ihrer Einbildung gerufen hatte, doch da stand Louisa bereits neben ihr.
„Lösch das noch nicht, vielleicht ist es ja gar nicht so schlecht!“, sagte sie mit etwas hektischer Stimme.
Doch die blonde Frau sah sie nur verwirrt aus ihren schokobraunen Augen an.
„Sorry. Ich heiße Louisa. Ich, ähm… weißt du, ich studiere Germanistik, und ich bin bei uns an der Uni im Schreibzentrum, und naja, da sagen wir auch immer: nicht gleich alles löschen, erst mal schauen.“
Louisa zuckte unsicher mit den Schultern, wie um zu sagen: Aber vielleicht trifft das ja für dich nicht zu, ich will dir da nicht reinreden.
Das sagte sie dann tatsächlich – woraufhin die Blondine eine erste Reaktion zeigte: Sie lächelte.
„Doch, das trifft ganz sicher auch auf mich zu. Ich bin Ana.“
„Ana. Hi, Ana.“
„Naja, Anabel, aber so nennt mich niemand. Außer meine Mutter vielleicht, aber…“
Louisa nickte lachend. Dann nickte sie noch etwas mehr, unschlüssig, was sie sagen sollte. Und doch war sie es, die als nächste sprach.
„Schreibst du an einer Hausarbeit?“
Ana sah zurück auf den Laptop, nachdem sie Louisa bis eben gemustert hatte. Louisa hatte die Haare zu einem lockeren Knoten zusammengebunden, am Hinterkopf waren sie bunt gefärbt. Ihre Augen waren mit einem sehr dünnen Lidstrich geschminkt und ihr Gesicht war übersät mit Sommersprossen, sie hatte zwei Ohrlöcher in jedem Ohrläppchen, trug jedoch keine Ohrringe und auch keine Kette. Dafür einen Ring mit einem großen, ovalen Stein der beinahe das ganze unterste Glied ihres Zeigefingers bedeckte.
„Nein. Nein, ich versuche mich als Autorin.“
„Oh! Ein Buch?“
Louisa schien neugierig.
„Ja. Naja, sowas in der Art, vielleicht – irgendwann einmal.“
Ana gab sich keine Mühe, ihre Skepsis zu verbergen. Sie war sich nicht sicher, ob sie Talent hatte, und eigentlich war sie überzeugt, dass sie – zumindest das, woran sie gerade saß – nie veröffentlichen würde.
„Cool. Naja, dann frag ich dich lieber noch nicht, ob du es mir zeigst, sowas braucht schließlich etwas mehr Raum. Also, ähm… naja, bei Hausarbeiten sagen wir immer, man soll erst einmal schreiben, und dann erst später drüber schauen. Oft findet man die Texte gar nicht so schlecht, wenn man ihnen etwas Zeit gibt und etwas Abstand nimmt.“
„Alles klar. Danke.“
„Gut, ich… ähm, ja, trink dann mal meinen Kaffee weiter.“
Sie wies auf die Theke, wo der zweite Kaffee der Nachmittags-schicht stand: ihr eigener. Sie hatte die Tasse zu drei Vierteln leer-getrunken und überlegte, ob sie frischen, warmen Kaffee zu dem Rest dazu gießen sollte. Dann dachte sie, dass Anas Kaffee sicher auch schon kalt war.
Doch das war nicht ihre Aufgabe, und sie hatte ohnehin den Eindruck, Ana etwas zu nahe getreten zu sein.
Ana startete unterdessen einen Neuanfang was ihre Geschichte betraf, ließ jedoch den bereits geschriebenen Absatz stehen. Sie drückte einige Male auf Enter, um genug Abstand zwischen den „alten“ und den „neuen“ Text zu bekommen, dann begann sie von Neuem zu tippen.

Mein Kaffee ist kalt. Das macht nichts, ich hab nichts gegen kalten Kaffee – nicht einmal, wenn er sehr stark oder schwarz ist. Am liebsten trinke ich ihn zwar mit Milch, aber nach zwei Schlucken ist es egal, was drin ist, selbst wenn es Zucker ist. Man gewöhnt sich dran.
Es war auch ein kalter Kaffee, bei dem ich entschied, unsere Geschichte zu erzählen. Jetzt frage ich mich, ob ich das verbinden soll. Wie wäre es, die Geschichte meines Lebens zu erzählen, mit allem, was dazu gehört? Unsere Liebesgeschichte. Meine Leidensgeschichte mit der Universität.
Eines Tages werde ich eine Entscheidung diesbezüglich treffen, aber bis dahin schreibe ich einfach weiter.
So ist es wohl wie mit so ziemlich allem im Leben: Man muss sich entscheiden, aber wenn man sich entschieden hat und zu seiner Entscheidung steht, dann wirst du damit auch glücklich. Es klingt ziemlich einfach, und ganz ehrlich? Das ist es auch. Steh zu dem, was du tust. Fertig.
Um ganz ehrlich zu sein: ich habe nicht die geringste Ahnung, wo das Schicksal uns hinführen wird. Schon oft dachte ich, ich wüsste es, aber dann sahen wir uns monatelang wieder gar nicht. Als ich dich nun letztens wiedersah, nach all den Monaten wiedersah, da spürte ich es wieder, und diesmal entschied ich, mitzuschreiben. Vielleicht wird es eine Geschichte davon, was wir haben könnten, aber vielleicht wird es auch die Dokumentation der Geschichte, die wir haben werden. Was immer es sein wird, ich weiß, dass es wert ist, aufgeschrieben zu werden.

Als die Blondine wieder seufzte, entschied sich Louisa doch, sie wegen ihres Kaffees anzusprechen.
„Hey – der muss doch inzwischen kalt sein, oder? Soll ich nochmal nachgießen?“
Ana überlegte kurz, schüttelte dann jedoch den Kopf.
„Nein, ich trink den auch gerne kalt, das macht mir gar nichts aus.“
„Echt? Ich mag das gar nicht. Aber deswegen trink ich auch immer viel zu viel davon – ich schenke immer nach, wenn er kalt ist, und ich mach manchmal wirklich viele Trinkpausen an einem Tag. Die Tasse wird so natürlich auch nie leer, und ich werde irgendwann ganz aufgedreht, und dann plappere ich so viel wie jetzt und halte die Leute vom Arbeiten ab. Sorry. Ich sollte dich nicht stören.“
Bevor Ana widersprechen konnte, war die seltsame Kellnerin wieder hinter der Theke verschwunden, und schließlich in einem Raum dahinter. Ana folgte ihr in Gedanken und stellte sich vor, wie sich Louisa mit einem Buch an einen Tisch setzte und zu lesen begann.
Dann schüttelte sie den Kopf. Zum Lesen war Louisa doch eigentlich viel zu quirlig. Das würde sie bestimmt nicht tun.

Kein Wunder, dass du das nicht hinkriegst, dachte Ana frustriert, wenn du Menschen nur so schlecht einschätzen kannst!
Sie öffnete schließlich einen Internetbrowser und suchte nach irgendwas, irgendwo, das sie entweder inspirieren oder ablenken würde.


 


„Mach’s gut! Und danke nochmal, dass du heute Mittag die Stellung gehalten hast. Ich werd mich mal revanchieren, ver-sprochen!“
„Ist gut, Steffen. War ja sehr ruhig. Also, gute Nacht!“
Louisa hatte den Knoten, den sie die vergangen Stunden in ihrem Haar getragen hatte, gelöst. Ihr Haar fiel nun in blonden Locken über ihre Schultern, die sie in einen grauen Mantel gehüllt hatte, der vorne mit zwei Reihen von großen schwarzen Knöpfen geschlossen war. Es war Frühling, bald Sommer, doch die Abende waren in letzter Zeit wieder sehr kalt gewesen.
Ana saß noch immer an ihrem Laptop. Zwischenzeitlich hatte sie einen zweiten Kaffee bestellt und einen Muffin gegessen, doch mit dem Schreiben war sie so gut wie gar nicht weitergekommen, seit Louisa ihr angeboten hatte, ihr Kaffee nachzuschenken.

Nachzugießen, dachte Ana. Die Wortwahl der aufgedrehten Kellnerin hatte sie irgendwie beeindruckt. So ein völlig unschönes Wort, und dann auch noch von einer Germanistikstudentin. Sollte sie sich nicht ausgewählter ausdrücken können? Legten nicht sogar ihre Kommilitonen Wert darauf, die passenden Worte zu wählen? Und vor allem bei der Arbeit!

Und doch: Louisas unkomplizierte, leicht unpassende Wortwahl beeindruckte Ana irgendwie.
Gerade fragte sie sich, ob sie Louisas Worte irgendwie in ihren Text einbauen konnte, da stand diese auch schon wieder neben ihr.
„Du schreibst ja immer noch. Wie sieht‘s aus, hast du Lust noch wegzugehen? Ich treff mich noch mit ein paar Kommilitonen und Schulfreunden und allerhand anderen Leuten, bei denen ich teilweise gar nicht weiß, woher ich sie kenne, ehrlich gesagt, und es wird bestimmt lustig. Da sind immer massig neue Leute dabei, die höchstens zwei aus der Runde kennen, also musst du dir auch keine Gedanken machen, dass du da irgendwie, also, dings, naja, du weißt schon, und außerdem sind meistens auch ein paar dabei, die selbst schreiben. Der eine heißt Phillip, der ist voll okay, und die andere, ich weiß gar nicht, wie die heißt, aber sie schreibt, und sie kann echt gut mit Worten umgehen – das merkt man sofort. Und sie kennt so ziemlich jedes Buch – und mindestens dreimal so viele wie ich, und dabei dachte ich immer, ich kenne viel. Und ich hab von der – Sammlung und der – Sammlung alles gelesen, wirklich alles. Also… Was meinst du? Hast du Lust?“
„Klingt gut. Ablenkung kann ich wirklich gebrauchen.“
Damit klappte Ana ihren Laptop zu, steckte ihn in die Tasche, hing sie sich über und wandte sich zum Gehen; Louisa war schon aus der Tür und hielt sie auf.

2. Bring dich doch selbst nach Haus

"Also... die Kerngruppe besteht eigentlich aus Jo, Carl und Maya, die bei mir im Jahrgang waren, und Matt, Phillip, Sven, Clemens und Richard. Angefangen hat alles mit Laura, die auch bei mir im Jahrgang war, und ihrem Bruder Clemens, der mit Matt, Phillip und Sven in die Schule gegangen ist. Und jeder brachte dann immer mal Leute mit, Richard ist zum Beispiel Jos Bruder, und so lernen wir immer mal wieder neue Leute kennen und gelegentlich bleibt jemand hängen. Du lernst die sicher schnell kennen, das sind alles Originale, da kann man sich Namen relativ leicht merken, finde ich. Ah, zwei Minuten."
Sie hatten die Straßenbahnstation erreicht. Es war inzwischen schon fast dunkel, die ersten Sterne funkelten am Himmel.

"Hey, Leute.", begrüßte Louisa die Gruppe, auf die sie zielstrebig zugelaufen war. "Das ist Ana."
"Hi."
"Hallo.", kam die Antwort im Chor, und bald wandten sich die meisten wieder ihren eben geführten Gesprächen zu.
Nur ein Augenpaar war noch auf sie gerichtet. Es war blau und gehörte zu einem schmalen, leicht länglichen Gesicht mit braunen Haaren.
"Hallo. Ich bin Johanna.", stellte der Mund sein Gesicht gerade noch vor, da stand auch schon eine Kellnerin bei ihnen.
"Hallo, kann ich euch schon was bringen? Wir haben noch eine Stunde Cocktail Happy Hour."
Sie hatte ihren elektrischen Block gezückt und alles an ihr sagte, dass sie bereit war: ihre Füße standen parallel auf dem Boden, ihre Hand war zum Schreiben erhoben und ihr Blick war den neuen Gästen zugewandt, wobei mindestens ein Augenwinkel nach dem Rest der Gruppe sah, für den Fall, dass dort jemand etwas wollte.
"Einen Sex on the Beach, bitte.", antwortete Louisa ohne einen Blick auf die Karte. Scheinbar trank sie diesen Cocktail öfter.
"Für mich auch.", sagte Ana.
Sie war ein Cocktailneuling und hielt es so für das einfachste, es den anderen nachzumachen, solange sie nicht wusste, was sie gerne trank. 
Von den anderen am Tisch bestellte nur einer noch etwas, einen Long Island Icetea. Er hatte dunkelblondes Haar und hellbraune Augen.
Ana saß auf der Bank am Rand, rechts von ihr Louisa, dann Johanna, links von ihr, auf Stühlen, ein Mann und dann eine Frau. Er hatte blonde Locken, die fast bis an die Schultern reichten, blaue Augen und Sommersprossen, sie hatte dunkelbraunes Haar zu einem lockeren Knoten zusammengesteckt und braune Augen. Sie war hübsch und hatte etwas Exotisches.
Plötzlich erwiderte sie Anas Blick und stellte sich vor:
"'Ey. Ich bin Amélie."
"Hey, hi. Freut mich. Ana."
Das war also die französische Austauschstudentin Amélie. Ihr Deutsch war gut, sehr gut, doch man hörte den Akzent etwas raus und das h bereitete ihr offensichtlich Schwierigkeiten.
Ihr ehemaliger Gesprächspartner mit den blonden Locken wandte sich nun auch Ana zu.
"Hi. Matt."
Mit charmantem Lächeln reichte er ihr die Hand, was Ana etwas verwirrt erwiderte.
Am anderen Ende der Bank erhoben sich einige Leute. Eine Blondine aus der Mitte wollte scheinbar auf die Toilette. Amélie schloss sich an, dann stand noch eine am anderen Ende des Tischs auf.
"Das ist übrigens Christin, die hab ich heute mitgebracht. Und die blonde, das ist Denise. Keine Ahnung, woher die kommt."
Dann sah Matt wieder zu Ana.
"Und du? Woher kennt ihr euch?"
"Aus dem Café."
Plötzlich wurde Ana bewusst, wie wenig sie hier verloren hatte. Sie kannte nicht einmal Louisa, die sie mitgenommen hatte, besonders gut, geschweige denn die anderen.
"Und was machst du so?"
"Ich studiere. Und du?"
Es war ein Angriff, der ihr die Flucht nach vorne ermöglichen sollte. Würde sie öfter herkommen, müsste sie vielleicht einen Fachwechsel erklären, und da sie ohnehin nicht fortsetzen wollte, was sie zur Zeit machte...
"Ich fang jetzt an. Ich wollte erst ein bisschen Pause machen und was sehen, ins Ausland gehen, sowas alles."
"Und, was hast du gesehen?"
Matt lachte abwinkend, trank einen Schluck.
"Nicht viel. Nicht genug."
Sein Lächeln wich einem ernsteren Gesichtsausdruck als er fortfuhr: "Ich hatte viele Ideen, viele Pläne, aber dann hat das nicht gleich so geklappt, wie ich wollte, und dann hatte ich keinen Bock mehr. Ich hab dann ein bisschen Musik gemacht und bin erstmal hier geblieben."
Ana nickte.
"Naja, dann bin ich drei Monate in Neuseeland gewesen, und das hat mir dann gereicht. Ich bin nicht der Typ für so Au Pair oder Work and Travel Sachen. Das ist nicht mein Ding. Wenn ich Geld hab, guck ich mir dann den Rest der Welt als freier Tourist an. Ohne Frau aber. Ich will bleiben können, solang ich will, ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Ich kann mir danach ja immernoch was Festes suchen."
Wieder wusste Ana keine andere Antwort als ein einfaches Nicken. Eine Pause trat ein, dann fragte sie:
"Und was wirst du studieren?"
"Tja,", sagte er und lehnte sich zurück, "das kommt darauf an, wo ich genommen werde. Ich bewerbe mich in erster Linie für Musik," (er machte eine Pause) "aber ich kann mir auch Schauspiel vorstellen. Mal abwarten."
Er untermauerte seine Worte mit Nicken, und Ana stimmte ein.
"Wohnst du hier?"
"Ja.", das Nicken schwang in ihrer Antwort nach. "Ja, hier ganz in der Nähe, in der ---straße."
"Was, echt?"

"Ja."
"Cool. Ich wohn im ---weg!"
Der ---weg verlief parallel zur ---straße, nur eine Straße lag dazwischen. Am einen Ende mündete der Weg zwar in einen Wendehammer ohne Fußgängerdurchgang, doch auf der anderen Seite ließ sich die Straße, in der Ana wohnte, leicht erreichen. Je nach Hausnummer waren es maximal drei Minuten vom einen zum anderen, doch darauf fiel das Thema an diesem Abend nicht.
"Ist ja Wahnsinn. Und wo studierst du?"
"---stadt."
Er nickte.
"Da werd ich eher nicht hingehen, denk ich. Nicht, wenns mit Musik klappt, jedenfalls."
Ich muss aufhören, dauernd so blöd zu nicken!, dachte Ana. Matt nickte bei den meisten seiner Aussagen, und Ana stimmte mit ein, ohne je damit aufzuhören, schien ihr.
"Machst du Musik?"
"Ja."
Mit der Antwort hatte er nicht gerechnet, das war offensichtlich. Dummerweise hätte Ana eigentlich sagen müssen, dass die Musik gemacht hatte, nun aber keine Zeit (und Lust) mehr dafür fand.
Sie beschloss, zu nicken, dann den Kopf still zu halten, und zu warten, bis er wieder sprach, ohne fortzufahren. Wenn er nach den Instrumenten fragte, konnte sie immernoch berichten, was sie in ihrer Wohnung stehen hatte, und das müsste dann eben ausreichen.
"Und was genau?"
"Gitarre und Klavier vor allem."
Zu sagen, dass die Gitarre in ihrem Schlafzimmer und das Klavier in ihrem Wohnzimmer stand, war ihr dann doch peinlich. Es klang, als wären es nur Accessoires ihrer Wohnung, und diesen Eindruck wollte sie bei Matt nicht erwecken. Nicht am ersten Abend, an dem sie sich sahen, sie wollte einen guten ersten Eindruck hinterlassen.
Ihre Unterhaltung wurde von der Kellnerin unterbrochen, die die Cocktails brachte. Da Ana sich zurücklehnen musste, um den Armen der Kellnerin zum abstellen der Getränke Platz zu machen, wurde der Rahmen ihrer Gesprächspartner offener.
Denise, die Blondine für die vorher alle aufgestanden waren, beugte sich über den Tisch und stellte sich vor. Christin tat es ihr gleich und warnte dann scherzhaft:
"Lass dir von Matt nur nix erzählen, der ist ein echter Schürzenjäger!"
"Alles klar.", erwiderte Ana, nicht ohne sich zu fragen, ob Christin damit nicht vielleicht eher sagen wollte, dass Matt nur noch ihr Schürzenjäger zu sein hatte.
Sie wurde von Louisa abgelenkt, die mit ihr anstoßen wollte.
Und dann trank sie ihren ersten Cocktail.
Er schmeckte süß, aber auch nicht zu süß, und war gut gekühlt. Der Alkohol kam erst sehr spät durch und auch nur sehr leicht. Ana, die bisher ihr Colabier mit Cola gemischt hatte, war begeistert, schaffte es jedoch, eine professionelle Miene aufzusetzen, als hätte sie diesen Cocktail schon tausend Mal getrunken.
Louisa hatte ihr Glas unterdessen wieder abgestellt und fingerte nun an dem Marshmallow rum, der, mit einem Gummibärchen, an einem Spieß, der im Cocktail stand, festgemacht war.
"Ich liebe Fruchtsäfte.", sagte sie und sah erst Jo, dann Ana an. "An Silvester haben wir selbst Cocktails gemacht. Die waren auch sooo gut. Haben teilweise ein bisschen unappetitlich ausgesehen, aber sie waren gut!"
Jo stimmte ihr zu.
"Und dann hast du so einen gemacht, wie hast du den genannt? Wo du von allem ein bisschen rein gemacht hast?"
"Ah, All In!", lachte Louisa.

Ana zog interessiert die Augenbrauen hoch.
"Ich hab alles rein gemacht, also fand ich All In ziemlich passend. Du musst gar nicht so gucken, Matt!", fügte sie hinzu, dann streckte sie ihm die Zunge raus.
Ana wandte sich um. Es war zu spät, um zu sehen, mit welcher Mimik Matt Louisa verärgert hatte, doch nicht, um zu sehen, dass er sie nun überaus charmant anlächelte.
"Na, jedenfalls war das genial.", meldete sich Louisa wieder zu Wort.
"Außer, dass ich nicht so lang durchgehalten habe.", warf Jo ein.
"Wie lang habt ihr denn gemacht?", wollte Ana nun wissen.
"Also, ich so bis um sieben oder so."
"Und ich nur bis um vier, glaub ich. Dann war ich müde."
Bevor Ana irgendetwas bemerken konnte, wollte Matt wieder Aufmerksamkeit.
"Was hast du so an Silvester gemacht?", fragte er.
Ana öffnete den Mund, um zu antworten, biss sich dann jedoch auf die Lippe, ließ sie sofort wieder los und sagte schließlich ausweichend:
"Naja, das Übliche."
Sie nahm noch einen Schluck und entzog sich so eine näheren Erläuterung. War es, weil sie es nicht genauer wissen wollten, oder weil sie ihr nicht zu nahe treten wollten und etwas gemerkt hatten, jedenfalls ging keiner genauer darauf ein.
Matt wechselte das Thema.
"Ich finde, Silvester wird sowieso überbewertet. Ich mag den Winter eh nicht. Viel zu kalt."
"Ja, stimmt, der Sommer ist mir auch viel lieber.", beteiligte sich Louisa.
"Und wie siehst du das?", fragte Matt Ana.
"Frühling. Ich liebe den Frühling. Es wird endlich wieder wärmer, und heller, und alles beginnt zu blühen... das ist meine liebste Jahreszeit."
Ana lächelte und sah einen Augenblick gedankenverloren auf die Tischplatte, dann trank sie noch etwas von ihrem Cocktail.

"Hey, Isa, wie kommst du nach Hause?"
Sven, dachte Ana, das ist Sven.
Im Lauf des Abends hatte Ana die Namen der Anwesenden gelernt und, wie sie meinte, auch etwas über ihre wesentlichsten Eigenschaften.
Sven beispielsweise, dem sie den Long Island Icetea nachgemacht hatte, redete gerne und viel. Er hatte die Gelegenheit genutzt, als Louisa und Johanna auf die Toilette gegangen waren, und war ebenfalls aufgestanden. Nachdem Clemens und Ana sich wieder gesetzt hatten, nahm er den Platz auf der anderen Seite von Ana ein, von wo aus er ihr viel erzählte und sie gelegentlich zum Lachen brachte.
"Zu Fuß.", antwortete Louisa. "Du auch?"
Sven nickte.
"Dann begleite ich dich gerne und pass auf, dass dich niemand klaut.", ergänzte Louisa, während sie ihre Jacke zuknöpfte.
Sven runzelte zur Antwort die Stirn und zog dann die eigene Augenbraue hoch, sagte aber nichts.
Matt wandte sich gerade Ana, die für ihren zweiten Cocktail eigentlich zu wenig gegessen hatte, zu, als Phillip plötzlich vor ihr stand.
"Ich hab gehört, du wohnst in der ---straße. Ich kann dich nach Hause bringen.", bot er an, wobei es eher wie eine beschlossene Sache als wie ein Vorschlag klang.
"Äh, okay... Naja, Matt wohnt da grad um die Ecke, also..."
"Ja, ich weiß. Er wohnt im ---weg, direkt im Wendehammer, und ich wohne am offenen Ende der Straße."
"Ah. Ja, dann haben wir ja alle denselben Weg. Dann können wir ja alle drei gemeinsam gehen."
"Find ich auch.", nutzte Matt die Gelegenheit.
Phillip hatte dem nichts entgegenzusetzen.
Gemäß Wohnort gingen Louisa und Sven schließlich nach links, Amélie, Denise und Clemens geradeaus, Christin, Richard und Johanna in die entgegengesetzte Richtung, und Ana, Matt und Phillip nach rechts.

Ana lief in der Mitte. Matt, der den Abend über eigentlich sehr gesprächig gewirkt hatte, war nun relativ still. Er beschränkte sich auf ein gelegentliches Lachen oder Schnauben, auf das Phillip jedoch nie einging, ob er es nun hörte oder nicht.
Nachdem Sven sich neben sie gesetzt hatte und Johanna und Louisa von der Toilette wiedergekommen waren, waren sie so aufgerutscht, dass Ana Matt gegenüber saß. Sie hatte sein Mienenspiel also schon kennengelernt, verstand allerdings nicht, was er damit bezweckte. Mochte er Phillip womöglich nicht? Und wenn, warum?
Phillips Art, sich mit Ana zu unterhalten, hatte nichts mit Matts gemeinsam. Phillip zog es vor, von sich selbst zu reden, und Ana dann Pausen zu lassen, in denen sie ihre Sicht erzählen konnte, wenn sie denn wollte. Er ließ das Gespräch einfach laufen und vermied so den Eindruck, er arbeite eine Checkliste ab.
Phillip war nach einem Fachwechsel erst kürzlich wieder hergezogen, nachdem er in einem anderen Teil des Landes zwei Semester studiert hatte. Seine Wohnung wirke nun noch etwas herzlos eingerichtet, und seine Kochkünste ließen ordentlich zu wünschen übrig.
Ana erwiderte, dass ihr das nur allzu gut bekannt sei, und sie verabredeten sich zum Kochen.
Als das Gespräch schließlich von Musik auf Literatur kam, verlor Ana ihre Skepsis Phillip gegenüber. Er hatte nahezu genauso viel gelesen, wie die geheimnisvolle Fremde, von der Louisa ihr im Café erzählt hatte. Und dann sagte er auch noch:
"Ich suche auch immer nach Texten, die mich inspirieren, und je mehr ich lese, desto sind meine Chancen natürlich. Ich mag das Prinzip der Intertextualität. Und ich will in meinen Texten auch Anspielungen auf andere Texte einbauen können, aber subtil, nicht so auffällig."
Ana war beeindruckt. Sie spürte immer eine besondere Euphorie, wenn sie in Büchern Bezüge zu anderen Dingen oder Themen fand, die sie verstand, weil sie die entsprechenden Texte gelesen hatte. Sie sah diese Dinge als Feinheiten der Kunst, die eben nicht jeder bemerkte und die dadurch 'Kunstmenschen' von gewöhnlichen Menschen abhob.
Als sie den ---weg schließlich erreichten, sagte Matt:
"So, dann lass ich euch Turteltauben mal alleine."
"Turteltauben?", fragte Ana irritiert.
Sie standen im Schein einer Laterne. Links von ihnen war gut der Wendehammer zu sehen, wo Matt wohnte. Sie standen am 'offenen Ende', wie Phillip es vorher genannt hatte, also musste auch seine Wohnung links von ihnen liegen.
"Was'n los?", fragte sie Matt deshalb.
"Ach... nichts. Gute Nacht."
Mit völlig veränderter Miene umarmte Matt Ana, dann wandte er sich an Phillip. "Mach's gut, Mann."
Einen Augenblick standen Phillip und Ana noch im Laternenschein und sahen Matt nach, dann wandte Phillip seinen Blick zu Ana.
Seine blauen Augen schienen sich in ihre zu bohren.
Stechend, dachte Ana. Stechend blaue Augen, im wahrsten Sinne des Wortes.
"Hättest du noch Lust auf einen Kaffee?", fragte er.
"Gern.", antwortete sie spontan.

Das Haus, in dem Phillip wohnte, sah aus wie nahezu jedes andere in der Straße. Es war ein Mehrfamilienhaus für sechs Parteien, seine Wohnung lag auf der linken Seite ganz oben.
Er hatte Recht, seine Wohnung wirkte herzlos eingerichtet. Einige Ecken sahen aus, wie eins zu eins aus dem Katalog übernommen, was eigentlich nichts Schlechtes war, doch da andere Ecken sehr leer wirkten, sah es seltsam aus. Außerdem schien der rote Faden zu fehlen, den man bei Ana ganz eindeutig sehen konnte. Das antwortete sie ihm auch, als er sie nach ihrem Eindruck fragte.
"Vielleicht kannst du ja einen roten Faden in meine Wohnung bringen.", schlug er vor. "Nur eben nicht unbedingt in rot."
Ana lächelte. Nicht lustig, dachte sie dann, aber gut, es ist schon spät, und er hat sicher auch was getrunken...
Als der Kaffee fertig war, setzten sie sich an den Esstisch. Er stand mit dem einen Kopfende an der Wand, einer leeren weißen Wand.
"Da fehlt ein Bild.", sagte sie, wobei sie ihre Tasse mit einer Hand hochhob und mit dem Zeigefinger auf die Wand zeigte. Dann nahm sie einen großen Schluck Kaffee und spürte sofort, wie ihr Kopf klarer wurde.
"Ja... da hast du Recht. Malst du mir eins?"
Es klang charmant, aber auf seltsame Weise. Sie konnte es nicht genau beschreiben (auch nicht, als sie es später versuchte, als Übrung für ihr Buch oder um diesen Abend festzuhalten). Möglicherweise klang es wie erlerntes Charmantsein - also nicht natürlich. Aber das Wort 'unnatürlich' schien ihr nicht sehr zutreffend.
"Ähm... ich male gar nicht."
"Doch.", erwiderte er mit demselben merkwürdigen Charme, und mit einem Zwinkern, dass scheinbar eine seiner Angewohnheiten war. Er lächelte noch immer.
Ana runzelte die Stirn (ohne es recht zu merken) und versuchte, einen Hinweis zu finden - in seiner Mimik oder in seinen Worten. Oder vielleicht würde er sich ja erklären, wenn er in ihrem Blick las, dass sie nicht verstand.
Doch er sagte nur:
"Och, Ana.", und lachte dann.
Hatte er also einen Scherz gemacht?
"Ist das eigentlich dein voller Name? Ana?", fuhr er fort.
"Eigentlich Anabel.", antwortete sie.
Der Themenwechsel und der Kaffee trugen dazu bei, dass sie sich nicht weiter damit beschäftigte, wie er sich verhielt, weder, wenn er irgendwie charmant wirkte, noch, wenn er scheinbar scherzte. Sie blieb nicht allzu lang, da es ohnehin schon spät war, doch sie verabredeten sich, einige Tage später gemeinsam zu kochen und er bot ihr Gitarrenunterricht ("Ich hab mal Gitarre gespielt, aber ich glaub, ich hab fast alles wieder verlernt..." - "Wir könnten mal zusammen spielen." ) und Tanzstunden an ("Das macht wirklich Spaß, Ana!" ) - und dann war da noch das Schreiben. Er würde etwas raussuchen, versprach er.
Dann brachte er sie nach Hause, er bestand darauf, und wünschte ihr eine schöne gute Nacht.
Ana lag danach noch etwa eine Stunde wach und versuchte, in Worte zu fassen, was sie erlebt hatte. Sie dachte an die Blicke, die Matt und sie sich zugeworfen hatten, als sie gegenüber voneinander gesessen hatten. Dann dachte sie an den Heimweg und seine Verabschiedung.
Es war seltsam, aber irgendwie kam es ihr vor, als hätte sie alle schon vor langer Zeit kennengelernt, dabei war es ein einziger Abend gewesen.
Sie träumte von stechenden blauen Augen und von Christin, die immer wieder sagte: "Ich warne dich!" - zu Ana oder zu Matt?

3. Mal sehen.

Ich war gestern wieder im Café um zu schreiben. Diesmal war nicht der Typ mit dem Riesenlächeln da, sondern Louisa, eine total aufgedrehte Person mit bunten Haaren. Naja, zumindest am Hinterkopf, ihre Deckhaare waren blond, keine Ahnung, ob von Natur aus.
Sie hat mich jedenfalls angequatscht und später, vermutlich als sie Feierabend hatte, noch spontan eingeladen, in so ne Art Cocktailbar mitzugehen. Schwer zu sagen, was das genau für ein Laden ist, weil es auch einen Tanzbereich (sogar mit Discokugel) gibt. Außerdem stehen auf der Karte (die eigentlich keine Karte ist) nicht nur Cocktails und sowas, sondern man kann da auch richtig was essen.
Na jedenfalls - diese "Karten" sind so Zeitschriften für jeden Monat. Wir haben noch die für April bekommen, aber der ist ja nun vorbei (seit heute Nacht) und deshalb hab ich eine mitgenommen.
Da steht drin, was in welchem Cocktail enthalten ist bzw. welche Säfte und welcher Alkohol reinkommen, also kann ich sozusagen ein bisschen Vokabeln lernen mit dem Ding.
Außerdem kann ich deshalb jetzt sagen, wie der Schuppen heißt -
alegría de vivir. Ich hab gelernt, dass das Lebensfreude bedeutet, auf spanisch. Ich dachte ja, Leben heißt vida, aber was weiß ich. Die werden das schon recherchiert haben, bevor die das so genannt haben, denk ich mal.
Ich bin leider gar nicht gut vorangekommen mit dem Buch gestern. Louisa hat gesagt, ich soll das, was ich geschrieben hab, erstmal stehen lassen und später nochmal drüber lesen, wenn ich ein bisschen Distanz dazu hab. Weiß nicht, ob das gut ist.
Ich finde, Schreiben, oder generell Kunst hat doch eigentlich sehr viel mit Gefühl zu tun, und wenn mein Gefühl sagt, das ist Mist, dann ist es auch so, oder nicht?! Und dann bringt es auch nix, später nochmal drüber zu lesen, weil's immer noch Mist ist.
Vielleicht schadet es sogar eher, weil das Gefühl dann weniger stark ausgeprägt ist, und quasi schon sagt: Dann hör halt nicht auf mich, schönen Tag noch! - ?
Naja, mal sehen.
In dem Laden hab ich jedenfalls dann tausend Leute kennengelernt und von so ziemlich allen die Namen wieder vergessen.
Naja, nicht ganz. Sven weiß ich noch - weil der sooo viel redet! Der hört gar nicht mehr auf, dachte ich. Aber es war auch alles sehr witzig, was er zu erzählen hatte.
Und dann weiß ich noch, dass der mit den blonden Locken Matt heißt, und der andere, der bei Matt in der Straße wohnt, heißt Phillip. (Und ich glaub, die mögen sich irgendwie gar nicht.)
Den Rest hab ich vergessen.
Da war eine Französin mit so einem total typischen Namen - da bleibt dann eigentlich kaum was übrig. Amélie, Aurélie, Francine, irgendwie sowas.
Und dann war da eine, die Matt mitgebracht hat, und mich glaub ich aus Prinzip nicht leiden kann. Wahrscheinlich, weil Matt sich so lange mit mir unterhalten hat. Haha, wenn die wüsste! - aber dazu komm ich später noch.
So, und dann war da auch noch eine, die glaub ich ziemlich eng mit Louisa befreundet ist. Sie sagt eigentlich immer nur ihren Spitznamen, aber ich komm nicht drauf, weder auf den, noch auf den vollen Namen. Ich weiß nur noch, dass es irgendwas mit J war. Glaub ich jedenfalls. Sie war an Silvester auch dabei, bei dem Cocktails selbst machen und so, aber sie war "schon" um vier müde - naja, wenn die meisten anderen bis sieben machen, ist das schon ziemlich früh.
Wie heißt die denn nur? Irgendsowas typisches. Jana. Oder Julia. Oder Jessica... Jennifer? Irgendwie sowas.
Ja, und dann war da noch eine, und noch einer, und keine Ahnung. Viel zu viele auf einmal jedenfalls!
Sven erinnert mich irgendwie an jemanden, ich weiß nur noch nicht, an wen. Vielleicht kann ich mir deshalb seinen Namen merken?
Egal.
Ja, und Matt und Phillip wohnen beide im ---weg, also quasi um die Ecke. Matt hat dann gesagt, er ist müde, und Phillip hat mir noch seine Wohnung gezeigt, weil er meinte, die wäre so herzlos eingerichtet und ob ich nicht nen Tipp hätte oder sowas. Weil ich sowas ja voll mag, Inneneinrichtung.
Und Kaffee hat er auch für mich gemacht - der war gut!
Und am Ende hat mich Phillip dann also alleine heim gebracht, logischerweise, weil Matt da schon in sein Bett abgehauen ist. (Aber so wie er sich benommen hat, war er nicht müde sondern einfach genervt oder so, wegen Phillip. Ich frag mich echt, was da los ist... vielleicht weiß Louisa was.)
War eigentlich ein bisschen sinnlos, weil das eh quasi um die Ecke ist, aber er hat mich heim gebracht, bis vor die Tür. Gentleman.
Wie auch immer.
Also, seine Wohnung ist wirklich ziemlich herzlos eingerichtet.
Einzelne Ecken sehen aus wie direkt aus dem Einrichtungskatalog geklaut, ohne Mist. Andere Ecken wiederum... uah. Die sehen aus, als würde derjenige gerade noch umziehen und hätte nicht mal alle Kartons in der Wohnung. Ganz schrecklich.
Und überall dieses hässliche helle Holz! Buche oder Birke oder was das ist. Igitt. Wenn es wenigstens ganz hell wär, so quasi weiß, das gibt's ja auch, okay, aber nein, es muss dieses eklige Hellbraun sein. Bäh. Mag ich gar nicht.
Aber ich hab ja die Erlaubnis, seine Wohnung neu einzurichten. Er meinte, er hätte viel weniger Geld ausgegeben, als er erwartet hätte, auch für den Umzug (er hat bis vor kurzem noch quasi am anderen Ende des Landes gewohnt, studienbedingt) - deshalb kann er jetzt ordentlich reinhauen, meinte er. Also gehen wir bald mal Möbel shoppen. Wahrscheinlich gleich am Samstag.
Ja, also sonst sind seine Möbel halt auch total zusammengewürfelt. Da passt nix, nicht mal bei den hellbraun-hässlichen Sachen. Sieht auch ein bisschen so aus, als wären manche Teile noch aus seinem früheren Kinderzimmer übrig geblieben, geht also mal gar nicht! Und dann überall diese weißen Wände! Die müssen auch unbedingt gestrichen werden.
Ist halt Mist, dass das Semester grad begonnen hat. In der vorlesungsfreien Zeit hätten wir viel mehr Zeit gehabt, da was zu machen. Aber naja. Wird schon irgendwie.
Ach ja, und sein Regal sieht so aus, als würde es gleich auseinanderfallen.
Ich freu mich schon drauf, da alles neu zu gestalten. Vor allem der Dekoteil wird super. Er mag Kerzen und auch Fotos und so Bilder, also kann ich mich da ganz in meinem Sinne austoben, sozusagen. Ich steh ja auch voll auf so Kram.
Er hat auch gemeint, ich könnte ihm ja was malen. Haha. Ich, malen! Sicher... aber mal sehen, vielleicht mach ich's ja wirklich. Hab irgendwie schon auch Lust dazu.
Aber mal gucken.
Und er will mich nicht Ana nennen, hat er gemeint. Ich weiß allerdings nicht so ganz, wieso, da hat er so ausweichend geantwortet. Aber auf jeden Fall nennt er mich Bel, meinte er. Und dann hat er die ganze Zeit dieses Lied gesungen, vonwegen
I've been thinking about my doorbell... sau lustig.
Und ich hab mich dazu überreden lassen, tanzen zu lernen. Uah. Bin mal gespannt, was das wird. Bis Montagabend hab ich noch Zeit, zu widersprechen, ansonsten meldet er uns da dann verbindlich an. Haha. Naja, sind nur zwölf Abende über sechs Wochen verteilt erstmal, und wenn's mir keinen Spaß macht, kann ich danach dann ja wieder aufhören.
Bin mal gespannt.
Ich bin auch darauf gespannt, wie er so schreibt. Was er erzählt hat klingt ja schonmal echt vielversprechend, aber wer weiß.
Und Musik machen wir auch mal zusammen. Aber vorher muss ich ein bisschen Gitarre üben... ich glaub, ich kann gar nichts mehr...
Mal sehen.
Matt macht auch Musik. Er will das sogar studieren.
Mir fällt grad auf - ich weiß gar nicht, was genau Matt eigentlich macht. Hm. Er weiß, dass ich Klavier und Gitarre spiele. Naja, ich wollte ja eh mal wieder anfangen damit, von daher macht es nix, dass ich eigentlich beides schon laaang nicht mehr gespielt hab... egal. Ich vermisse es ja eh schon die ganze Zeit, und wenn ich die Instrumente doch hier stehen hab... und Musik ist auch einfach echt genial.
Aber wieso Matt und Phillip sich offensichtlich nicht leiden können, wüsste ich echt mal gerne. Vor allem, weil sie ja doch zum selben Freundeskreis gehören, offensichtlich. Oder nicht?!
Mal sehen. Louisa fragen. Vielleicht weiß die was.
Naja.
Hm... ich werd mich mal wieder an mein Buch machen, bzw. daran, mir zu überlegen, was ich eigentlich schreiben will. Oder soll ich doch einfach drauf los schreiben? Hm.
Wenn ich anfange, und das Gefühl stimmt, werd ich ja wissen, dass das die richtige Richtung ist. Oder?
Aber manchmal weiß ich dann ja auch noch gar nicht, wie die Geschichte weitergehen soll. Und wenn mir dann nichts mehr einfällt? Vielleicht sollte ich Kurzgeschichten schreiben, da muss man nicht so weit raus blicken und außerdem kann man einfach aufhören, wenn einem nix mehr einfällt. Die haben doch eh immer ein offenes Ende.
Gedichte mag ich jedenfalls nicht, daraus wird nix.
Und Lieder... naja. Nur, wenn ich die auch selbst singe. Oder wenigstens nicht jemand ganz Fremdes. Der versteht das doch dann gar nicht richtig, bzw. kann das nicht richtig rüberbringen, weil der nie das erlebt und gesehen und gefühlt haben wird, was ich hab. Ist doch doof.
Hm. Mal sehen.
Ach, ich glaub, ich koch mir jetzt erst mal einen Kaffee.

4. Phillips Geständnis

"Okay, genug jetzt!"
"Aber wenn du das jetzt nicht aufbaust garantiere ich dir, dass das noch mindestens eine Woche lang so rumliegt!"
"Ach Quatsch, die zwei Schrauben sind doch schnell mal reingedreht."
"Hm."
Ana hätte es bevorzugt, Phillip hätte alles mit ihr aufgebaut, danach wäre es sicher auch spät genug gewesen, um zu gehen, doch nun waren es noch drei Stunden bis zur Party, und so lange brauchte sie natürlich nicht, um sich fertigzumachen.
"Komm her, ich will dir was zeigen."
Widerwillig folgte sie Phillip in sein Schlafzimmer.
Es war ein kleines Zimmer, das von dem Bett und dem Kleiderschrank voll ausgefüllt wurde. Sie hatten ein Bild für die kahle, weiße Wand über dem Kopfende gekauft, und mehr war in diesem Zimmer auch nicht zu tun, abgesehen vielleicht von bunter Bettwäsche und Vorhängen, was Phillip jedoch für überflüssig hielt.
Und dort hing es nun.
Auf dem Bild war eine Hängebrücke zu sehen, die irgendwo im Nebel verschwand. Zwar konnte man Bäume auf der anderen Seite erkennen, und auf der rechten Seite ließ sich erahnen, dass die Bäume sich in Wasser spiegelten, doch es herrschte auf jeden Fall Ungewissheit: Darüber, was unter der Brücke war, und darüber, was einen auf der anderen Seite erwartete.
Ana hatte das Bild fasziniert angestarrt, und Phillip hatte es, wie aus einer Laune heraus, gekauft - und das, obwohl es keinesfalls billig gewesen war.
Und nun hing es über seinem Bett.
Ana nickte anerkennend.
"Es passt wirklich gut dort hin.", sagte sie.
Phillip nickte zustimmend.

Abgesehen vom Bild hatten sie eine neue Couch, ein breites Regal und einige Kleinigkeiten wie Kerzen und Bilder in Postkartenformat für seine Wohnung gefunden, außerdem einige Kissen für die Couch und einen Textilstift, um sie zu bemalen.
"Ich mal dir grad noch das Kissen an und dann geh ich so langsam. Dann kann ich noch ein bisschen was erledigen vor heute Abend."
"Ich dachte, du hast nichts zu tun?"
"Ja, schon.", entgegnete Ana und begann, nach einer Erklärung zu suchen. "Nichts, was dringend getan werden muss, aber einiges, was demnächst anliegt."
"Ah. Okay. Sollen wir nachher zusammen hingehn?"
Ana runzelte die Stirn.
"Das ist doch eh höchstens eine Minute Fußweg. Aber ich weiß auch gar nicht, wie lang ich brauche, vielleicht komm ich erst etwas später."
"Okay.", sagte er gleichgültig mit den Schultern zuckend.
Ana konzentrierte sich auf das Kissen. Sie wollte heim, ein bisschen alleine sein, Tagebuch schreiben und vielleicht auch kurz schlafen. Sie war müde, trotz der vier Tassen Kaffee, und es würde wieder spät werden.
Matt würde da sein.
Doch es fiel ihr nichts ein, und je mehr sie überlegte, desto weniger inspiriert fühlte sie sich.
Schließlich fiel ihr ein Film ein, den sie vor kurzem gesehen hatte, und sie schrieb: "God grant me the serenity to accept the things I cannot change, the courage to change the things I can, and the wisdom to know the difference." Sie verschnörkelte die Buchstaben etwas, war mit dem Ergebnis unzufrieden, und präsentierte Phillip, der ihr gegenübersaß, schließlich das Ergebnis mit:
"Tada."
Er las, lächelte, und machte das für ihn scheinbar typische "Ooh.", das in diesem Fall wohl sagen sollte: "Das hast du aber schön gemacht."
Tatsächlich sagte er:
"Das ist schön, danke."
Ana hob die linke Augenbraue leicht an und antwortete:
"Kein Problem."
Dabei erhob sie sich von der Couch und kurz darauf stand sie auch schon auf der Straße.
Es war ziemlich kühl für Mai, fast herbstlich, und obwohl sie den Frühling allen Jahreszeiten vorzog, sehnte sich Ana auf einmal nach dem Herbst.

Wie sie es bereits geahnt und auch fast ein bisschen beabsichtigt hatte, ging Ana erst zehn Minuten nachdem sie sich eigentlich treffen wollten los.
Als sie nach Hause gekommen war, hatte sie sich zuerst in die Badewanne gelegt. Dort war sie kurz weggenickt, doch insgesamt badete sie nur dreißig Minuten. Sie ließ ihre Haare an der Luft trocknen während sie versuchte, zu schreiben, wobei sie jedoch mehr Zeit damit verbrachte, an ihren Nägeln zu kauen, als zu tippen. Zur Ablenkung beschloss sie schließlich, sich zu schminken. Sie wollte etwas Neues ausprobieren, was zur Folge hatte, dass sie sich drei Mal wieder alle Farbe aus dem Gesicht wusch. Nach einer dreiviertel Stunde etwa war sie zwar fertig geschminkt, sah jedoch wie immer aus.
Ähnlich verhielt es sich mit ihren Haaren. Sie wollte sie hochstecken, doch wenn etwas mal originell aussah, wollte es nicht halten. Schließlich ließ sie ihr Haar offen.
Sie hatte noch Zeit und überlegte, noch etwas zu essen, kleckerte auf ihr Oberteil und verbrachte die folgenden vierzig Minuten damit, sich acht Mal umzuziehen. (Sie nahm schließlich das erste Kleid, das sie dabei angehabt hatte.)
Zu guter Letzt, nachdem sie alles aufgeräumt hatte, warf sie einen letzten Blick in den Spiegel und verließ unzufrieden und mit Verspätung ihre Wohnung.
Als sie im algería ankam, sah sie zuerst Sven. Er stand in einer Ecke mit einigen Leuten, die Ana noch nie gesehen hatte. Da sie weder an neuen Bekanntschaften, noch an Svens Geschichten in diesem Moment besonderes Interesse hatte, ließ sie ihren Blick weiter durch den Raum schweifen. Sie fand niemanden und ging schließlich an die Bar.

"Der Wodka Cranberry soll ganz gut sein. Jedenfalls mögen den viele Frauen.", sagte eine Stimme neben ihr.
Die Stimme und ihr Besitzer kamen Ana bekannt vor, doch es dauerte einen Moment, bis sie den passenden Namen fand.
"Clemens - richtig?"
"Jap."
Wie so oft in diesen Tagen nickte Ana.
"Alles klar. Dann werd ich wohl mal Wodka Cranberry probieren."
Sie bestellte und musste nicht lange warten.
"Hallo!"
Das ist die von Silvester, dachte Ana. Aber wie heißt die denn?
"Hey, hi."
Während Clemens etwas zu der Namenlosen sagte, nippte Ana an ihrem Wodka Cranberry, wobei sie nicht merkte, dass sie dabei zwei sehr große Schlucke nahm.

"Die wollen die verkuppeln."
Ana stand mit dem Rücken an eine Wand gelehnt und beobachtete die Tanzfläche. Sie sah in Richtung Louisa, die mit einer Blondine, einem braunhaarigen Kerl und Sven halb tanzte und mehr redete. Ana stellte sich vor, wie Louisa Svens Geschichten mit ironischen Bemerkungen kommentierte, so wie am ersten Abend, als sie gesagt hatte, sie könne ihn gerne nach Hause bringen.
"Wen?", fragte Ana und sah nach links. Neben ihr stand, mit honigsüß lächelnden Augen und blonden Locken, die ihm in die Stirn fielen, Matt.
"Louisa und Sven.", sagte er mit festem Blick in Anas Augen. "Maya will das - die Blonde - und ihr Freund Timo will das. Und Johanna, und Clemens, und Richard und Dominik... fast alle, denk ich."
"Und du?"
Matt sah kurz zu Louisa rüber, dann wieder zu Ana.
"Ich find Verkuppeln total scheiße, weil da eigentlich immer Mist bei rauskommt, aber ich kann Sven nicht leiden. Wenn er ne Freundin hat ist er vielleicht mal still."
Er warf noch einen Blick zur Tanzfläche.
"Aber Louisa tut mir leid. Die ist doch viel zu hübsch für ihn."
Ana wusste nicht, was sie dazu sagen sollte, doch Matt sprach auch ohne einen Kommentar von ihr weiter.
"Sven ist einfach ein Vollpfosten. Du hast ja mitbekommen, was der immer für Scheiße labert, und ganz ehrlich, der kann noch schlimmer."
Er sah ihr beschwörend in die Augen, als würde sein Blick seinen Worten eine extra Portion Glaubwürdigkeit verleihen.
Wieder nickte Ana stumm, doch diesmal fuhr Matt nicht fort. Er schien mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Schließlich fiel ihr ein:
"Warum wollen die sie dann verkuppeln?"
"Hm?", machte er. Seine Gedanken mussten ihn weit fortgetragen haben.
"Warum wollen sie Louisa und Sven verkuppeln, wenn sie doch gar nicht zusammenpassen?"
"Vielleicht weil Louisa eh immer Pfosten als Freund hat."
Ana war empört über diese Bemerkung. Sie kannte Louisa noch nicht lange, aber was Matt gesagt hatte, klang in jedem Fall wie eine Beleidigung.
Dabei hatte er es gar nicht so gemeint. Was Ana nicht wusste, war, dass Matt schon einige Male mit Louisa gesprochen hatte, weil er ihre Wahl nicht verstand. Einmal, kurz nach einer Trennung, hatte sie ihm zugestimmt, und seitdem war sie Single.
So stand Ana nun nur mit erhobenen Augenbrauen da und sagte nichts, auch weil sie nicht wusste, was.
"Keine Ahnung, warum.", fügte Matt seiner Antwort schließlich hinzu. "Aber ist ja auch nicht mein Problem. Entweder, sie wird drauf eingehen, oder sie wird es lassen."
Er musterte Ana, die den Blick zwar spürte, doch weiterhin auf die Tanzfläche sah. Sie versuchte, mit neutralem Gesichtsausdruck so zu wirken, als beobachte sie die Leute.
"Bist ja ganz schön gesprächig heute.", bemerkte Matt nach einer Weile.
"Ja... naja.", konnte Ana dazu nur erwidern.
"Okay, dann geh ich mal gucken, was die anderen so machen."
Ana nickte und biss sich auf die Lippe.
"Huhu!", kam es kurz darauf von rechts.
Phillip.
"Hi!", antwortete sie mit aufrichtigem Lächeln. "Ich hab dich noch gar nicht gesehen."
"Ja, ich war bei Karen und Jasmin, die stehen da drüben."
Er wies mit dem Arm irgendwo hinter die Tanzfläche. Von dem, was dort hinten lag, sah man von diesem Standpunkt aus nichts. Dorthin verschwand auch Matt gerade.
"Und dann war ich kurz bei Jo am Tisch", er zeigte zu den Tischen am rechten Rand der Tanzfläche, "und hab mit ihnen über Lou und Sven geredet."
"Bist du also auch von einer der Verkuppel-Truppe?"
"Nein. Ich weiß zwar bescheid, aber ich halt mich da raus. Das schaffen die auch so."
Ana runzelte die Stirn.
"Was meinst du damit?"
"Lou und Sven. Also er ist ja da sowieso sehr offen, und Lou mag ihn denk ich wirklich sehr, von daher finden die schon irgendwie zusammen, solange sie sich nicht sehr blöd anstellen."
"Aha."
Louisa und Sven mögen? Ana konnte sich das nicht so recht vorstellen. Wie kam Phillip bloß auf solche Ideen?
"Wie kommst du darauf?", fragte sie ihn also.
"Ah, das ist sowas, wenn sie ihn ansieht, in ihren Augen. Da sieht man quasi die Funken springen, so von einem zum anderen und wieder zurück." Er untermalte die Funken mit seinen Händen, die in diesem Fall von ihm zu Ana und wieder zurück sprühten.
Was sie ganz sicher nicht tun, dachte Ana.

"Was meinst du, wie viel hat sie schon getrunken?"
Louisa sah überrascht nach rechts, von wo die Stimme gekommen war.
"Wer? Ana?"
Matt nickte.
Louisa grinste. "Ich hab keine Ahnung, aber ich denke, sie steht auf Cranberries und Clemens hat ihr gleich am Anfang Wodka Cranberry empfohlen. Aber ich denke, es hält sich noch im Rahmen."
"Ich seh schon, du passt auf. Wahrscheinlich hast du in Wirklichkeit mitgezählt."
"Haha. Vonwegen."
Louisa lachte.
"Stimmt, du warst ja auch beschäftigt.", stichelte Matt mit wissendem Blick.
Louisas linke Braue schoss in die Höhe.
"Ach ja? Ich glaube nicht."
Sie sah zu den Tanzenden, kurz darauf aber mit ernstem Gesicht zurück zu Matt.
"Mal ernsthaft. Denken eigentlich alle, ich will was von Sven?"
"Schlimmer. Wobei ich nicht weiß, ob das wirklich irgendjemand denkt. Oder ob es sie interessiert."
"Doch, Phillip ist sich da hundertprozentig sicher."
Nach einer kurzen Pause, in der neben Matts Worten auch der Unterton, mit dem er sie gesagt hatte, angekommen waren, schoss es aus Louisa heraus:
"Moment - was meinst du damit?"
"Was denn?", fragte er unschuldig.
"Wieso interessiert es sie nicht? Ich seh doch, wie alle um uns rumwuseln, und Jo und Richard sind extra woanders langgegangen die letzten Wochen, damit Sven und ich alleine laufen, obwohl er näher bei ihnen wohnt. Außerdem ist Jo sonst ja öfter noch mit zu mir gekommen über Nacht. Also, was - oh, warte!"
Louisa sah Matt mit großen Augen an.
"Die wollen doch nicht etwa - doch?"
Matt schürzte die Lippen.
"Womöglich..."
Louisa schlug ihn auf den Arm.
"Du weißt doch bescheid!"
Sie wollte anklagend klingen, doch sie musste lachen.
"Du! Du bist ja scheiße!"
Jetzt musste auch Matt lachen.
"Ganz ehrlich, dass du das jetzt erst merkst..."
"Was? Hallo?"
Den Blick auf die Tanzenden und Ana zurückwendend und Louisa "Du Zwerg." nennend, legte er ihr einen Arm um die Schultern, wobei er sich mehr auf ihre Schulter stützte, als sie wirklich zu umarmen.
"Du hast also echt nichts geahnt?", fragte er sie nach einer Weile.
"Woher denn. Wie denn. Ich war so damit beschäftigt, was mit Jo und Clemens und Carl ist... und... naja."
"Was?"
"Eigentlich wollte ich Sven mit Karen verkuppeln."
Matt prustete laut los.
"Du wolltest Sven verkuppeln? Und alle wollen ihn mit dir verkuppeln!"
"Naja, wirklich verkuppeln wollte ich ihn nicht.", wandte Louisa ein. "Aber er steht schon auf Karen, ode rmeinst du nicht?"
"Oh nein."
"Nicht?"
"Nein." Matt sah sie ernst an. Dann zuckte ein Lächeln in seinen Mundwinkeln. "Er liebt nur dich."
Dann lachte er wieder los und Louisa schlug noch einmal nach ihm.
"Haha."
"Nicht beleidigt sein."
Sie warf ihm, Augenbrauen hochziehend, einen skeptischen Blick zu.
"Keine Ahnung. Ich glaube, Sven steht einfach auf Frauen, der Rest ist ihm egal."
"Oah, das ist aber schon fies."
Nach einem Blick zu Sven ergänzte Louisa dann jedoch: "Aber irgendwie hast du wohl Recht."
Dafür lachte sie Matt sie aus, und an, und sah wieder zu Ana.
Er sieht nachdenklich aus, dachte Louisa, die ihn einige Minuten mustern konnte, ohne dass er es merkte.
"Hey, beobachtest du mich?"
"Hallo? Du stehst neben mir. Ich guck nur meinen Gesprächspartner an."
Er streckte ihr die Zunge raus.
"Magst du Ana oder magst du Christin? Oder bist dü vielleischt doch Amélie verfalln?"
"Haha!", machte nun Matt.
Dann sah er wieder ernst zu Ana, und auch Louisa wurde wieder ernst.
"Ich weiß es nicht." Er schüttelte den Kopf. "Keine Ahnung."

Nach und nach hatte sich das alegría wieder geleert. Johanna und Clemens waren unter den ersten, die gingen, doch dann folgten im Minutentakt unter anderen Richard, Denise und Karen. Es dauerte zwei Stunden, dann verabschiedete sich die nächste Welle, zu der auch Amélie, Maya und Timo gehörten.
Zwei weitere Stunden später waren kaum noch Leute da. Von denen, die Ana kannte, scheinbar nur noch Matt, Christin, Phillip, Sven und Louisa.
Closing time, dachte Ana. Plötzlich stand Phillip neben ihr.
"Ich bin noch gar nicht müde.", sagte sie zu ihm, bevor er etwas sagen konnte.
"Ich auch nicht.", entgegnete er.
"Hey, gute Nacht, wir gehen jetzt."
Louisa winkte und verließ dann mit Sven das Gebäude.
"Gitarrenstunde."
"Was?", fragte Phillip verdutzt.
"Du, und ich, und die Gitarre. Jetzt. Ja?"
Er lachte. "Okay."
Was aus Matt und Christin wurde, bekam Ana nicht mehr mit.

"Oh Mann! Ich hab so einen Ohrwurm, und ich komm einfach nicht drauf..."
"Wie geht denn der Text?"
Ana saß im Schneidersitz und mit einer Tasse frischem, heißen Kaffee auf der Couch in Phillips Wohnzimmer.
"Keine Ahnung." Sie sah ihn ratlos an. "Irgendwas mit closing time... now it's closing time..."
"Das ist in der Tat nicht viel Information."
Phillip stand, die Hände in die Seite gestützt, in der Nähe der Tür. Es war noch relativ dunkel in dem Zimmer, doch die Sonne ging bereits auf und es lohnte sich eigentlich nicht mehr, noch Licht an zu machen.
"Ich denk immer, es geht weiter mit shall I offer you a chair, aber das gibt keinen Sinn."
Einen Moment lang war es still im Raum und man hörte die Vögel draußen durch das offene Fenster zwitschern.
"Ah!", machte Phillip da plötzlich. "Ich weiß, was du meinst."
Er ging Richtung CDs, zögerte dann jedoch und drehte sich um.
"Aber ich hab das nicht. Ich könnte es spielen.", schlug er vor.
Ana nickte.
"Ich wollte ja eh was auf der Gitarre lernen."
"Hm.", machte er skeptisch. "Kommt drauf an, wie viel du noch kannst. Mal sehen."
Er holte ein Blatt aus einem Ordner, auf dem wohl die Akkorde standen, nahm Ana an.
Dann begann er zu spielen.
Gelegentlich schlug er die Saiten mit der rechten Hand einzeln an, doch Ana fand, dass es leicht genug aussah, und war überzeugt, dass ihre sieben Jahre Unterricht schon wiederkämen, sobald sie die Gitarre in der Hand hätte.
"Okay. Gib her.", sagte sie also.

Ana machte sich nicht einmal die Mühe, die Füße auf den Boden zu stellen. Stattdessen legte sie die Gitarre in ihren Schoß und halb über ihr linkes Bein.
Dann sah sie die Gitarre kurz fragend an, und dann zu Phillip.
"Und jetzt?"
Wäre es nicht so früh morgens und Ana geistig schon beinahe eingeschlafen, wäre ihr vermutlich peinlich gewesen, dass sie keine Ahnung hatte, was Phillip gespielt hatte. Sie hatte nur auf seine rechte Hand geachtet, und nun keine Ahnung, was sie spielen musste.
"C.", antwortete Phillip lächelnd.
Ana spielte intuitiv den ersten Akkord, der ihr in den Sinn kam, womit sie Phillip zum Lachen brachte.
"Nein, nicht Moll, Dur! Wenn ich Moll will, sag ich das schon."
Ana nickte, wie um zu sagen: Ach, klar, hätte ich mir denken sollen. Doch dann kehrte die Ratlosigkeit in ihren Blick zurück.
Sie hatte keine Ahnung mehr, wie man C-Dur spielte, und dass sie C-moll gespielt hatte, war auch eher ein Glückstreffer gewesen.
Phillip sah ihre Ahnungslosigkeit und kam ihr zu Hilfe, indem er ihr, den Akkord selbst greifend, zeigte, wie er ging.
Ana wollte nachmachen, was sie gezeigt bekommen hatte, doch sie bekam ihre Finger nicht mehr koordiniert.
"Nur drei Finger!"
Phillip setzte ihre Finger an die richtigen Stellen, während Ana zusah, als hätte das alles nichts mit ihr zu tun. Anschließend strich sie mit der rechten Hand einmal über alle Saiten, worauf Phillip wieder lachte.
Da Ana ähnlich begriffsstutzig fortfuhr setzte sich Phillip halb hinter sie und führte ihre linke und rechte Hand, bis sie einige Takte alleine hinbekam.
"Okay. Genug für jetzt.", erklärte Ana schließlich.
Phillip lachte wieder, als sie ihm die Gitarre zurückgab und sich anlehnte.
"Kannst du singen?"
"Hä?"
Wieder lachte er.
"Ob du singst."
"Oh.", machte sie, und schien dann nicht antworten zu wollen. Als hätte sie vergessen, dass man auf Fragen antwortete - doch dann sagte sie: "Ja."
Phillip gab ihr das Blatt, dass er vorhin aus dem Ordner geholt hatte. Dort stand der Text und oben drüber waren die Akkorde angegeben.
Ana endete schließlich mit "Guess I'll have another round.", obwohl das nicht das Ende des Liedes war, und dann geschah etwas Seltsames.

Ana fand es allerdings kaum seltsam.
Es war früh am Morgen und der Kaffee konnte nicht gegen Alkohol und Müdigkeit ankämpfen. Beides war in einem Maß vorhanden, das mit Kaffee kaum ausgeglichen werden konnte. Wäre sie wach gewesen, hätte sie vielleicht vorher gemerkt, was los war.
Tatsächlich ging es ihr ein bisschen wie Louisa.
Louisa hatte nicht bemerkt, dass es jemanden gab, der sie mochte, der sie sehr gern hatte, weil sie zu sehr von Sven und Matt abgelenkt wurde. Sie genoss ihr Singleleben, verbrachte viel Zeit mit Freunden und schien zu denken, je mehr sie mit Freunden sprach und lachte, desto besser.
Und Anas Kopf war schon voll mit den Worten und Gesten eines anderen, sodass ihr nicht auffiel, was sich anbahnte.
Sie sah einige Dinge nicht, weil sie nicht mit ihnen rechnete. Im Gegenteil, sie war sicher, dass einige Dinge an dieser Stelle noch nicht vorkamen.
Sie sah nicht die Bereitschaft, eine Wahl zu treffen, die maßgeblich von ihr beeinflusst wurde, sondern nur, dass derjenige dabei noch seinen eigenen Vorstellungen treu blieb.
Sie sah nicht das Interesse in den ihr zugeworfenen Blicken, weil sie nur hörte, wie davon die Rede war, dass in den Augen anderer Interesse für andere lag (und das bei Augen, in denen sie jedes Interesse ausschließen zu können glaubte).

"And I think that I just fell in love with you.", beendete Phillip das Lied.
Ana sah ihn etwas überrascht an. Sie hatte nicht erwartet, dass er auch sang, und auch nicht, dass er so singen würde. Es klang gut, aber ganz anders, als sie es von seiner Stimme erwartet hätte. Aber so ist das eben manchmal, manchmal ist die Singstimme ganz anders als -
Dann erst sah sie seinen Blick.
Ihre Gedanken verstummten.
"Das war so süß, wie du die Gitarre gehalten hast. So völlig unkonventionell."
Das klang wie eine Erklärung. Eine Erklärung für...?
"Du bist so wunderschön."
Ana bewegte sich keinen Millimeter. Hätte man sie später gefragt, hätte sie vermutet, sie hätte nicht mehr geblinzelt und auch nicht geatmet.
"Ich hab mich schon auf den ersten Blick in dich verliebt."
Nun war sie völlig sprachlos - und das, obwohl ihr schon seit drei Sätzen die Worte fehlten.

Aber wir kennen uns doch erst seit einer Woche!

5. Geht doch gar nicht!?

8. Mai, 7 Uhr morgens.

Phillip hat sich in mich verliebt.
Hat er mir gerade gestanden. War noch bei ihm.
Und das kam so:
Wir waren ja alle auf dieser Party im
alegría, und dann war ich halt noch so wach, und er auch, und ich hab mir nichts dabei gedacht, warum auch, und bin noch mit zu ihm, um Gitarre zu spielen.
Und ich hab natürlich einen Ohrwurm von einem Lied, in dem sich der Sänger in eine verliebt. Also, das Ich verliebt sich in das Du. Herzlichen Glückwunsch!
Naja, und er hat mir das Lied gezeigt, und ich hab nichts hinbekommen, und dann hat er gespielt und ich gesungen (beziehungsweise gekrächzt, möchte ich wetten!) und dann hat er gesagt, ich wär so schön, und das wäre so süß, und blablabla, und er hätte sich ja auf den ersten Blick in mich verliebt.
Wäre ihm ja auch schonmal passiert, so Liebe auf den ersten Blick und so. So ein Blödsinn... das kann der doch nicht ernst meinen, oder? Er kennt mich doch noch gar nicht!
Ich hab ihm dann gesagt, ich will ihn erstmal besser kennenlernen, bevor ich dazu was sage - was sollte ich denn dazu auch sagen? Echt mal.
Naja.
Er wollte natürlich gleich wissen, wann wir uns denn dann das nächste Mal sehen. Und wir müssten ja auch noch streichen - na gut, ja. Hab ich ja auch gesagt. Und war auch schon nett, wie er da das Thema gewechselt hat, vielleicht hat er ja gesehen, dass ich ein bisschen überfordert war oder so. Oder nicht so schnell einfach.
Irgendwie hab ich gar keine Lust mehr, auf das Streichen...

Später.
Hab versucht, Louisa zu erreichen. Keine Chance. Wüsste gerne, was sie davon hält.
Hab eine Szene geschrieben. Sogar eine, die ich so nie erlebt habe, haha. Jedenfalls sitzt die also auf dem Bett und spielt Gitarre, und sie kann halt gar nichts (und vielleicht ist es auch Absicht) und dann setzt er sich so hinter sie und führt ihre Hände und dabei kommt er natürlich sehr nah an sie ran. Ich muss das mit dem Kribbeln und seinem Atem in ihren Haaren noch ein bisschen ausschmücken, denk ich, aber naja. Und dann küssen sie sich halt. Ende Gelände.
Vielleicht sollte ich einfach bei Kurzgeschichten bleiben, obwohl das ja schon sau kurz ist, auch für eine Kurzgeschichte...?
Hm.
Blöd.
Naja, mal gucken.

Noch später.
Hab Matt angerufen. Auch nicht erreicht. Vielleicht versuch ich's nachher nochmal.

9. Mai.
Phillip hat angerufen. Wenigstens kommt er nicht jedes Mal gleich persönlich vorbei...
Ich glaube aber, er hat eine Telefon- und SMS-Flatrate... mein Pech.
Jedenfalls gehen wir jetzt morgen Essen. Ich bin ein bisschen skeptisch, ehrlich gesagt, aber okay, mal sehen. Ich kenn ihn ja noch gar nicht so wirklich.
Das mit dem Tanzen steht übrigens. Er hat sogar extra nochmal nachgefragt, ob das okay für mich wäre oder ob das irgendwie jetzt doch nicht blablabla. Er hat das besser formuliert. Ich glaub, er kann sowas wirklich gut, mit Worten umgehen und so.
Hab gesehen, dass ich versucht hab, Matt zu erreichen, und es nochmal versucht. Er ist auch rangegangen, hatte aber irgendwie keine Zeit oder so. Hat mich total überrannt irgendwie, und gleichzeitig war er doch so charmant und alles. Komisch.
Hm.

Nachts.
Kann nicht schlafen. Mist da.
Wenn ich wenigstens wüsste, was Louisa dazu sagt... ich kenn Phillip doch noch gar nicht. Ich weiß ja gar nicht, was ich zu erwarten hab...
Vielleicht kann ich ja absagen? Vielleicht werd ich ja krank... ich könnte mit nassen Haaren und offenem Fenster schlafen, es ist schon recht kühl. Und dann könnte ich erst mal ein paar Tage alle fernhalten und in Ruhe überlegen... die Uni stinkt sowieso auch schon wieder. Hm... klingt schon echt verlockend...

10. Mai, Zeit zum aufstehen.
Hat natürlich nicht geklappt, nicht das leiseste Kratzen in meinem Hals. Mist.
Also geh ich wohl Essen.
Naja. Ach, das wird bestimmt super...!

6. Betrachte das als Date.

Gedankenverloren schüttelte Louisa den Kopf.
Sie stand an einen Zaun gelehnt und wartete auf Sven, mit dem sie zum Essen verabredet war, und ließ dabei das Gespräch mit Matt Revue passieren.
Sie hatten sich am Vormittag zum Frühstücken getroffen, wie sie es seit einigen Monaten jeden ---tag taten. Was gibt’s Neues von Sven?, hatte Matt dann irgendwann gefragt, und Louisa hatte mit augenverdrehendem Kopfschütteln geantwortet und danach zu erzählen begonnen.
Sven hatte sie seit einigen Tagen immer wieder gefragt, ob sie mit ihm Essen gehen würde. Da einige ihrer gemeinsamen Freunde sie verkuppeln wollten, war Louisa zunächst davon ausgegangen, dass er scherzte, um die Angelegenheit vorzuführen. Mit der Zeit war ihr aber aufgefallen, dass er es ernst meinte, und das konnte für sie nur einen Grund haben: Er wollte mit ihr Essen gehen, damit die anderen aufhörten.
Und was dann?, hatte Matt gefragt, Dann fangt ihr zum Schein was miteinander an und dann die große Trennung?
Was weiß ich, hatte Louisa gedacht. Sie fand den Gedanken daran gar nicht so schlimm, immerhin spielte sie am Theater auch öfters die Frau oder Freundin von jemandem.
Zum Abschied hatte Matt sie noch einmal an seine Vermutung erinnert, Der steht auf dich. Wirst schon sehen.
Wir werden ja sehen, dachte Louisa, als sie Sven um die Ecke kommen sah und sich vom Zaun abstieß.
„Siehst gut aus.“, begrüßte er sie.
„Danke.“, hauchte sie mit zaghaftem Lächeln in die obligatorische Begrüßungsumarmung.
Bestimmt steht er wegen deiner Haare auf dich. Pink ist sicher seine Lieblingsfarbe!, fiel es ihr da ein, und sie musste sich ein Lachen verkneifen.
„Hm?“
„Nichts.“, strahlte sie ihn an. Ich bin nur fröhlich, was denkst du denn?
„Gehen wir rein?“
„Gut.“
Sven ging vor ihr und sah deshalb nicht, dass sie erneut breit grinsen musste. Wenn es so weiterging, würde sie viel Spaß an diesem Nachmittag haben.

„Danke.“
Die Kellnerin verschwand Richtung Küche.
„Und, was hast du gestern so gemacht?“
„Oh, nichts Besonderes. Ein bisschen Klavier gespielt.“
Tatsächlich hatte Ana, sich auf diese Frage vorbereitend, abends am Klavier ein paar Takte gespielt und davor den gesamten Nachmittag bei Matt verbracht. Ihr war nicht ganz klar, wieso, aber sie hielt es für klug, beide voreinander geheim zu halten, obwohl es beides nur Freunde waren. Die offensichtliche Antipathie zwischen ihnen, derer Ana am ersten Abend ihrer Bekanntschaft Zeuge geworden war, reichte aus, um sie in dieser Idee zu bestärken.
Zu ihrer Erleichterung wollte Phillip gar nicht genauer wissen, was sie gespielt hatte, oder was ‚nichts Besonderes‘ sein sollte. Es schien nicht seine Art zu sein, nachzufragen, davon ging Ana inzwischen aus.
Möglicherweise will er doch nur, dass ich von mir aus erzähle, dachte sie. Phillip lächelte die ganze Zeit.
„Was willst du heute noch machen?“
„Ähm…“
Wieso klang es, als würde es, was immer es werden würde, ihn mit einschließen? Sicher, sie hatte gesagt, sie wollte ihn besser kennenlernen, und das wollte sie ja auch wirklich, aber doch nicht im Eilverfahren?
„Oh, ich treff mich noch mit Louisa.“
Weil Louisa hoffentlich Zeit hat, dachte sie.
„Ah, ‘kay.“
„Und du?“
„Ich hab noch nichts vor.“
Dann zwinkerte er ihr sogar zu.

Louisa hatte schon oft bemerkt, dass sie sich in ihrem Redefluss ihren Gesprächspartnern stark anzupassen neigte. War ihr gegenüber eher still, sprach sie wenig und führte doch die Konversation an. War ihr Gegenüber eifrig am Erzählen, stellte sie schnelle Fragen, und hörte doch die meiste Zeit zu.
Bei Matt sprach sie dementsprechend in der Regel am meisten, wobei das auch daran lag, dass er einseitige Gespräche seltsam und unter Umständen sogar unangenehm verwirrend fand. Mit sehr stillen Menschen konnte er nichts anfangen, und allzu oft ging er davon aus, dass er sie einfach langweilte und sie deshalb schwiegen.
Sven war eigentlich jemand, der sehr viel sprach, sehr viel erzählte und sich gelegentlich wiederholte, vor allem wenn man ihn lange kannte oder nach einer Weile erstmals wieder sah. Von seinem Autounfall als kleiner Junge hatte er ihr daher schon drei Mal erzählt: Das erste Mal, als sie sich kennenlernten, das zweite Mal, als die Treffen in der Gruppe begannen, und das dritte Mal eine Woche nachdem sie Ana kennengelernt hatte, vor wenigen Tagen also. Er war nicht der Typ Mensch, bei dem man sich fragte, ob man das Schweigen persönlich nehmen sollte. Einsilbigkeit, Wortkargheit – das passte nicht zu Sven. Nie. Nicht einmal, wenn er krank war.
Dass er an diesem Tag ungewöhnlich still war (und sie hatten ihr Essen noch nicht bekommen, daran konnte es nicht liegen) machte Louisa Sorgen. Womöglich war es ihm doch ernster, als sie ahnte?
Um ihre Gedanken zum Schweigen und Sven zum Reden zu bringen, versuchte es Louisa mit etwas Small Talk.
„Wie läuft’s in der Uni? Ist das bei euch auch so chaotisch wie bei uns?“
„Nö, geht.“
Dann war er wieder still.
„Und was genau machst du jetzt nochmal?“
Eigentlich wusste Louisa ganz genau, dass er zu Maschinenbau gewechselt hatte, nachdem ihm BWL zu trocken gewesen war. Er war neben Phillip der einzige, der zu diesem Semester gewechselt hatte, sodass es nicht allzu schwer gewesen war, es sich zu merken. Ihre Frage war der Versuch, eine Konversation anzuleiern, die auf neutralem Terrain weiterlaufen konnte.
Doch ohne Erfolg. Seine Antwort bestand aus einem Wort:
„Maschinenbau.“
Louisa nickte.

„Also, Anabel.“, setzte Phillip an als die Kellnerin ihren Tisch verlassen hatte. „Du isst nicht allzu viel. Du sprichst nicht ganz so viel. Du machst Musik und du kannst gut singen. Erzähl mir was, was ich noch nicht weiß. Etwas, das kaum jemand weiß.“
„Ein Geheimnis also?“
„Nein, eine nicht so weit bekannte Tatsache nehme ich auch.“
„Hm…“
Sie überlegte. Es musste etwas sein, das in eine Reihe mit halbwahren Kleinigkeiten passte wie etwa dem wenig-essen (die Portion war einfach viel zu groß gewesen und ihr Appetit hingegen eher klein an diesem Tag) oder der Musik. Ein Hobby vielleicht, dachte sie. Dann kam ihr die Lösung.
„Ich liebe Kaffee.“
„Kaffee?“
„Ja. Total. Jeden Tag, und gerne auch mal mehr als eine Tasse am Tag.“
„‘kay.“ Phillip schien diese Information in seinem Kopf abzuspeichern. Dann wandte er den Blick von der Tischplatte wieder zu Ana und ergänzte: „Kaffee ist aber ganz schön ungesund.“
Ana resignierte innerlich. Diese Aussage hatte den Ausgang des Essens entschieden. Gedanklich formulierte Ana eine Art Kündigungsschreiben: Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass kein weiteres Interesse besteht. Ich will dich gar nicht mehr kennenlernen. Eine Szene aus einer Dating-Show ging ihr durch den Kopf: Ich wähle den Kaffee und lasse Kandidat 1 bei seinem gesunden Essen sitzen.
„Passiert.“, antwortete sie Phillip schließlich.

Ihr Heimweg war eine Art Flucht. Eine lustige Flucht.
Als Matt vor einiger Zeit eine nervige Verehrerin gehabt hatte, hatten er und Louisa ausgemacht, dass ein Anklingeln während eines Dates bedeutete, der andere sollte in gebührendem Abstand zurückrufen und so für die Fluchtmöglichkeit sorgen. Sie hatten den Ablauf schließlich perfektioniert.
Als Sven nun auf die Toilette ging, wählte Louisa in ihrem Handy Matts Nummer und ließ es nach Gefühl einmal klingeln. Sie hatte das Handy in der Tasche auf ihrem Schoß, sollte Sven also unerwartet früh zurückkommen, würde er nichts merken. Matt erhielt den Anruf, und da er wusste, dass Louisa sich zu diesem Zeitpunkt mit Sven traf, wusste er auch, dass er etwa zehn bis dreißig Minuten warten sollte.
Er entschied sich für zehn Minuten, die ‚schnelle Rettung‘ also, und so klingelte es kurz nach Svens Rückkehr bei Louisa in der Tasche.
„Der Fluchtwagen ist da, meine Liebe.“, sagte Matt.
„Oh, gut, dass du anrufst. Ich hätt’s jetzt fast vergessen. Ja, klar, ich denk dran. Ja, mach ich. Okay, bis gleich.“, antwortete Louisa.
Sie erzählte Sven, sie habe eine Verabredung vergessen, leider müsse sie nun auch direkt gehen. Überrumpelt von der Geschwindigkeit ihrer Worte und dem plötzlichen Aufbruch (sie wollten ohnehin gerade gehen, doch er hatte an ein gemeinsam-irgendwo-hingehen gedacht) stellte Sven keine Fragen, auch nicht nach einem weiteren Treffen, und der Abschied ging sehr schnell.
Erleichterung beschleunigte ihre Schritte und ließ sie durch den sonnigen Tag fliegen, direkt in ihre Wohnung, wo ihr Gast bereits wartete.

Wie eine Flucht, dachte Ana auf ihrem Heimweg. Eine geheime Flucht an einen nicht so geheimen Ort – geheim nur deshalb, weil der Umstand des Flüchtens nicht entdeckt werden darf. Sie verkniff sich ein Lachen. Ihre Gedanken waren doch wirklich absurd.
Phillip hatte sie eingeladen. Als Ana von der Toilette wiederkam, fing er sie mit ihrer Tasche in der Hand ab und machte deutlich, er hätte das mit dem Bezahlen schon erledigt. (Ihr wäre lieber gewesen, er hätte das klar gesagt, statt es so unterschwellig durchsickern zu lassen. Sie fand die Situation peinlich.)
Als die Sache klar war, ließ Phillip dann doch klare Worte folgen:
„Immerhin war das ein Date, da sollte man die Lady doch einladen.“
Ach ja, dachte Ana nur.
Sie ließ sich von Phillip zu Louisa fahren, was sie als großes Wagnis und gleichzeitig als die einzige Möglichkeit empfand.
Als sie das Summen des Türöffners hörte und Phillip um die Ecke verschwinden sah, durchströmte Ana ein Gefühl der Erleichterung. Sie flog die Stufen zu Louisas Wohnung hinauf und freute sich über den Sonnenschein draußen.

„Wieso hast du geklingelt?“, fragte sie eine Stimme noch bevor sie die Wohnungstür sah.
„Oh.“
Es war Matt, der da im Türrahmen stand.
„Was machst du denn hier?“
Fast wäre Ana vor Überraschung rückwärts die Treppe runtergefallen.
„Ich bin der Fluchtwagen.“
„Hä?“
„Soll Louisa dir erklären.“
Ana war inzwischen ganz oben angekommen. Matt ließ sie an sich vorbei in die Wohnung und nahm dann eine Jacke, vermutlich seine.
„Sie kommt gleich. Mach’s gut!“
Dann joggte er ohne ein weiteres Wort die Treppen hinunter. Ana konnte hören, wie die Haustür ins Schloss fiel.
Sie stand noch eine Weile so da und kam erst zu sich, als sie Schlüsselgeklimper hörte. Louisa.

7. Keine Liebesgeschichte, bitte!

Ich hab geschrieben - aber mir will einfach nichts gelingen. Bzw. - ich hab ein ganz tolles Vorwort, tausend verheißungsvolle Anfänge... und keine beschissene Geschichte! Mir will einfach nichts zufriedenstellendes einfallen.
Stattdessen fühlt sich nun jeder Morgen an, wie der Morning After, und das nervt mich tierisch... naja.
Wie kriegen das andere Leute hin? Wie lassen sich die Großen inspirieren? Mischen die nicht einfach nur andere Bücher?
OK, dann möchte ich bitte mischen... was kann ich mischen? Ich muss dafür erstmal genug lesen. Nur was?
Jedenfalls keine Liebesgeschichte!


Die Autorin an ihr Buch –
oder eher das Buch an seine Leser.

Ich lasse mich gerne inspirieren. Manche, vor allem ehemalige Kommilitonen, werden wissen, dass sogar der Titel hier inspiriert ist. Ähnlich verhält es sich zum Beispiel mit den Personen in dieser Geschichte:
Manchmal habe ich das Aussehen übernommen.
Manchmal nur den Namen oder nur einen Teil des Namens.
Manchmal habe ich meine Erinnerungen benutzt und Aussagen, Verhaltensweisen oder Eigenschaften übernommen.
Nie jedoch habe ich meine eigene Meinung als die meiner Hauptperson beibehalten.
Wenn Regiena also sagt, Carlo hätte keine Persönlichkeit, weil er sich immer den Umständen anpasst und so vor richtigen Gefühlen davonläuft, oder wenn sie sagt, die Predigt bei der Hochzeit wäre furchtbar einschläfernd gewesen und der Predigende hätte Vorurteile, oder wenn sie sagt, sie findet Steven arrogant und selbstverliebt, dann ist das nicht meine Sicht von euch.
Im sehr nagenden Zweifelsfall habt ihr ja meine Nummer.

Herzallerliebste Grüße,
Anabel.

Ma vie rêvée...

Wir sprachen im Sprachkurs über unsere Lebensträume.
Ma vie rêvée... dans ma vie rêvée Phillip étais encore vivant. Phillip n'étais pas mort.
I wish... my French was better.
I wish er würde noch leben.
I wish.
Je peux pas l'expliquer, tu sais. Je ne peux rien dire. Je sais pas, pourquoi, mais... c'est...
C'est en retard. Raté!