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1. Es begann alles mit einem Kaffee.

M.
Ich weiß, du hast dir noch nie viel aus Kaffee gemacht, doch bei mir fing damit alles an. Ja, es begann alles mit einem Kaffee.
Mein Kaffee ist längst kalt - der in der Tasse hier neben mir. Doch vermutlich auch der metaphorische Kaffee...
Wie dem auch sei, hier ist sie: Hier ist meine Geschichte.

Es begann alles mit einem Kaffee.
Das tat es schon früh: Als ich mit 19 meine erste Abiturprüfung schrieb, nahm ich einen großen, mitgebrachten Schluck Kaffee, bevor ich die erste Seite umschlug und die Aufgaben durchlas. Noch einen, bevor ich den ersten Strich machte, und einen, bevor ich abgab. Ich muss wohl nicht erst sagen, dass ich schon Kaffee getrunken hatte, bevor ich dem Schulleiter zusagte, ich könne an den Prüfungen teilnehmen.
Auch die Abgabe meiner Klausuren oder das Entgegennehmen der Noten begannen mit Kaffee, genauso wie schon die Anmeldung zur Abiturprüfung. Es gab Kaffee beim Abiball.
Es begann wirklich alles mit einem Kaffee. Ich hoffe, wenn ich einmal einen Heiratsantrag bekomme, steht eine Tasse Kaffee in der Nähe, denn ich weiß nicht, was ich täte, wenn ich ohne antworten müsste.
An dieser Stelle möchte ich klarstellen, dass ich nicht süchtig nach Kaffee bin. Ich hab auch erst vor kurzem gelesen, dass man gar nicht von Kaffee süchtig werden kann. Ist bewiesen.
Aber Kaffee schien immer wichtige Dinge oder Entscheidungen einzuleiten. Vielleicht ist es bloß eine bestimmte Phase in meinem Leben, und sie wird vorbeigehen. Oder es war eine Phase, und dann hab ich es zur Tradition gemacht. Jetzt ist es jedenfalls sowas wie ein Glücksbringer. Ich fühl mich sicher, wenn ich diese Routine hab, weil ich weiß, dass ich mich gut entspannen kann, wenn ich mit einer Tasse dasitze. Viele kennen das ja von Tee, aber Kaffee beruhigt mich wirklich. Mehr als jeder Entspannungs- und Nerventee es jemals hat!
Deshalb verbrachte ich den Sommer nach meinem Schulabschluss auch in einer Art Kaffeerausch. (Das, im Gegensatz zur Sucht, kann Kaffee wirklich – er ist ein Alkaloid. Falls das jemandem was sagt. Und er ist die perfekte Droge: Rauschzustand Ja, Sucht Nein. Optimal.)
Ich habe mich treffsicher genau für die Fächer begeistert, die damals noch von der ZVS, der Zentralen Vergabestelle für Studienplätze, betreut wurden: Medizin, Jura, Psychologie, Pharmazie. Zahnmedizin und Tiermedizin hab ich ausgelassen, aber das hat auch nicht mehr viel geholfen. Davon abgesehen interessierten mich noch Kunst und Musik, beides Fächer mit Aufnahmeprüfung.
Dummerweise sahen weder meine Noten, noch mein Talent so aus, als würde ich eine Zulassung bekommen. Ich hatte mit wenig Aufwand gute Noten bekommen, am Ende aber doch bloß einen Schnitt von 2,0 – was sicherlich gut ist, aber nervt, wenn man nur einen Punkt mehr gebraucht hätte, um eine eins vor dem Komma zu haben.
Schließlich beschloss ich, ein Jahr Pause zu machen. Ich blieb eine Weile zuhause und tat nichts, doch es ging mir schnell auf die Nerven, und dann ging ich auf die Reise. Ich sah die Orte, an denen ich mit meinen Eltern bereits gewesen war – ein schickes kleines Dorf in Italien, Disney Land in Frankreich, Berge in Deutschland und das Meer. Dann nahm ich, was ich noch hatte, und ging nach Amerika, doch ich bekam keine Stelle als Tellerwäscher, und so kehrte ich nach Hause zurück. Ich suchte mir einen Job, um noch mehr zu reisen, doch dann war das Jahr auch schon vorbei. Etwas enttäuschend, weil ich eigentlich noch Bali sehen wollte, und weil ich nicht den Eindruck hatte, schon genug von der Welt gesehen zu haben, um reif und erwachsen zu werden, aber jetzt will ich studieren. Da wird man ja angeblich auch reif und erwachsen, oder nicht? Und wie sieht mein Alltag nun aus?
Textmarker, Kugelschreiber, Infoheftchen, Notizblätter (für Pro- und Kontralisten), Kaffeetassen. Das Papierzeug bleibt schon seit Wochen immer gleich, abgesehen von ein paar mehr oder weniger gelben Strichen, aber die Tassen bringen Abwechslung rein. Haha.
Eines schönen Tages – heute – entschied ich, meinen Leidensweg zu dokumentieren. Und hier sitze ich nun, mit Kaffee natürlich, und erzähle von meinen letzten Monaten in der Schule und der Suche nach einem geeigneten Studienfach.
Zeit, mich vorzustellen:
Ich heiße Regiena Woods. Meine Mama ist Lehrerin und malt nebenbei, wollte aber mal Schauspielerin werden und lernte da meinen Vater kennen, einen Hobbyregisseur und Kameramann bei einem Nachrichtensender. Wir haben alle drei grüne Augen und dunkelbraune Locken. Ich habe einen Bruder, der aber zehn Jahre älter ist als ich und von meinen Eltern adoptiert wurde, als er fünf war. Wir haben ein enges Verhältnis, und es wird immer besser, jetzt, wo der Altersunterschied sich nicht mehr so stark auswirkt.
Er studiert Ethnologie und Soziologie und weiß einfach alles.

Das Café du Soleil hatte nach der Mittagspause gerade lange genug geöffnet, dass der erste ausgeschenkte Kaffee, der in einer dunklen Tasse mit dem weißen Logo das Cafés neben einer jungen Frau mit langem blonden Haar stand, bereits kalt geworden war. Sie hatte erst die Hälfte ausgetrunken.
Louisa teilte sich die Schicht eigentlich mit Steffen, doch er hatte kurzfristig angerufen und gesagt, er würde sich verspäten. Er klang gehetzt, daher hatte sie keine genaueren Erklärungen gefordert, doch langsam wurde sie nervös. Mit jeder Minute wuchs das Risiko, dass etwas schief ging, und in den meisten Fällen würde sie nicht wissen, was zu tun war.
Louisa war eigentlich kein ängstlicher Mensch. Ihre Freunde beschrieben sie meistens als wild, mutig, extrovertiert und offen. Stets freundlich, mit einer gewinnenden Art und einem strahlenden, herzerwärmenden Lächeln. Würde etwas passieren, würde keiner ihr glauben, dass es wirklich schlimm gewesen war. Sie würden sagen: „Ach, Lou – du hast das doch bestimmt ganz super gemeistert!“
Mit einem Nervenzusammenbruch vielleicht, dachte sie sarkastisch. Da hörte sie ihren bisher einzigen Gast, eine junge Blondine, seufzen. Sie wollte schon hineilen und fragen, ob sie ihr etwas bringen konnte, da hielt sie inne. Die Frau sah gerade von ihrem Laptop auf und schüttelte den Kopf, scheinbar lief es nicht so gut, und dann markierte sie den ganzen Text, den sie eben geschrieben hatte. Eher intuitiv als wissend, was sie tat, rief Louisa ihr plötzlich zu:
„Nicht!“
Die Frau zuckte unmerklich zusammen, dann sah sie sich vorsichtig um. Vermutlich war sie nicht sicher, ob eine Stimme in ihrer Einbildung gerufen hatte, doch da stand Louisa bereits neben ihr.
„Lösch das noch nicht, vielleicht ist es ja gar nicht so schlecht!“, sagte sie mit etwas hektischer Stimme.
Doch die blonde Frau sah sie nur verwirrt aus ihren schokobraunen Augen an.
„Sorry. Ich heiße Louisa. Ich, ähm… weißt du, ich studiere Germanistik, und ich bin bei uns an der Uni im Schreibzentrum, und naja, da sagen wir auch immer: nicht gleich alles löschen, erst mal schauen.“
Louisa zuckte unsicher mit den Schultern, wie um zu sagen: Aber vielleicht trifft das ja für dich nicht zu, ich will dir da nicht reinreden.
Das sagte sie dann tatsächlich – woraufhin die Blondine eine erste Reaktion zeigte: Sie lächelte.
„Doch, das trifft ganz sicher auch auf mich zu. Ich bin Ana.“
„Ana. Hi, Ana.“
„Naja, Anabel, aber so nennt mich niemand. Außer meine Mutter vielleicht, aber…“
Louisa nickte lachend. Dann nickte sie noch etwas mehr, unschlüssig, was sie sagen sollte. Und doch war sie es, die als nächste sprach.
„Schreibst du an einer Hausarbeit?“
Ana sah zurück auf den Laptop, nachdem sie Louisa bis eben gemustert hatte. Louisa hatte die Haare zu einem lockeren Knoten zusammengebunden, am Hinterkopf waren sie bunt gefärbt. Ihre Augen waren mit einem sehr dünnen Lidstrich geschminkt und ihr Gesicht war übersät mit Sommersprossen, sie hatte zwei Ohrlöcher in jedem Ohrläppchen, trug jedoch keine Ohrringe und auch keine Kette. Dafür einen Ring mit einem großen, ovalen Stein der beinahe das ganze unterste Glied ihres Zeigefingers bedeckte.
„Nein. Nein, ich versuche mich als Autorin.“
„Oh! Ein Buch?“
Louisa schien neugierig.
„Ja. Naja, sowas in der Art, vielleicht – irgendwann einmal.“
Ana gab sich keine Mühe, ihre Skepsis zu verbergen. Sie war sich nicht sicher, ob sie Talent hatte, und eigentlich war sie überzeugt, dass sie – zumindest das, woran sie gerade saß – nie veröffentlichen würde.
„Cool. Naja, dann frag ich dich lieber noch nicht, ob du es mir zeigst, sowas braucht schließlich etwas mehr Raum. Also, ähm… naja, bei Hausarbeiten sagen wir immer, man soll erst einmal schreiben, und dann erst später drüber schauen. Oft findet man die Texte gar nicht so schlecht, wenn man ihnen etwas Zeit gibt und etwas Abstand nimmt.“
„Alles klar. Danke.“
„Gut, ich… ähm, ja, trink dann mal meinen Kaffee weiter.“
Sie wies auf die Theke, wo der zweite Kaffee der Nachmittags-schicht stand: ihr eigener. Sie hatte die Tasse zu drei Vierteln leer-getrunken und überlegte, ob sie frischen, warmen Kaffee zu dem Rest dazu gießen sollte. Dann dachte sie, dass Anas Kaffee sicher auch schon kalt war.
Doch das war nicht ihre Aufgabe, und sie hatte ohnehin den Eindruck, Ana etwas zu nahe getreten zu sein.
Ana startete unterdessen einen Neuanfang was ihre Geschichte betraf, ließ jedoch den bereits geschriebenen Absatz stehen. Sie drückte einige Male auf Enter, um genug Abstand zwischen den „alten“ und den „neuen“ Text zu bekommen, dann begann sie von Neuem zu tippen.

Mein Kaffee ist kalt. Das macht nichts, ich hab nichts gegen kalten Kaffee – nicht einmal, wenn er sehr stark oder schwarz ist. Am liebsten trinke ich ihn zwar mit Milch, aber nach zwei Schlucken ist es egal, was drin ist, selbst wenn es Zucker ist. Man gewöhnt sich dran.
Es war auch ein kalter Kaffee, bei dem ich entschied, unsere Geschichte zu erzählen. Jetzt frage ich mich, ob ich das verbinden soll. Wie wäre es, die Geschichte meines Lebens zu erzählen, mit allem, was dazu gehört? Unsere Liebesgeschichte. Meine Leidensgeschichte mit der Universität.
Eines Tages werde ich eine Entscheidung diesbezüglich treffen, aber bis dahin schreibe ich einfach weiter.
So ist es wohl wie mit so ziemlich allem im Leben: Man muss sich entscheiden, aber wenn man sich entschieden hat und zu seiner Entscheidung steht, dann wirst du damit auch glücklich. Es klingt ziemlich einfach, und ganz ehrlich? Das ist es auch. Steh zu dem, was du tust. Fertig.
Um ganz ehrlich zu sein: ich habe nicht die geringste Ahnung, wo das Schicksal uns hinführen wird. Schon oft dachte ich, ich wüsste es, aber dann sahen wir uns monatelang wieder gar nicht. Als ich dich nun letztens wiedersah, nach all den Monaten wiedersah, da spürte ich es wieder, und diesmal entschied ich, mitzuschreiben. Vielleicht wird es eine Geschichte davon, was wir haben könnten, aber vielleicht wird es auch die Dokumentation der Geschichte, die wir haben werden. Was immer es sein wird, ich weiß, dass es wert ist, aufgeschrieben zu werden.

Als die Blondine wieder seufzte, entschied sich Louisa doch, sie wegen ihres Kaffees anzusprechen.
„Hey – der muss doch inzwischen kalt sein, oder? Soll ich nochmal nachgießen?“
Ana überlegte kurz, schüttelte dann jedoch den Kopf.
„Nein, ich trink den auch gerne kalt, das macht mir gar nichts aus.“
„Echt? Ich mag das gar nicht. Aber deswegen trink ich auch immer viel zu viel davon – ich schenke immer nach, wenn er kalt ist, und ich mach manchmal wirklich viele Trinkpausen an einem Tag. Die Tasse wird so natürlich auch nie leer, und ich werde irgendwann ganz aufgedreht, und dann plappere ich so viel wie jetzt und halte die Leute vom Arbeiten ab. Sorry. Ich sollte dich nicht stören.“
Bevor Ana widersprechen konnte, war die seltsame Kellnerin wieder hinter der Theke verschwunden, und schließlich in einem Raum dahinter. Ana folgte ihr in Gedanken und stellte sich vor, wie sich Louisa mit einem Buch an einen Tisch setzte und zu lesen begann.
Dann schüttelte sie den Kopf. Zum Lesen war Louisa doch eigentlich viel zu quirlig. Das würde sie bestimmt nicht tun.

Kein Wunder, dass du das nicht hinkriegst, dachte Ana frustriert, wenn du Menschen nur so schlecht einschätzen kannst!
Sie öffnete schließlich einen Internetbrowser und suchte nach irgendwas, irgendwo, das sie entweder inspirieren oder ablenken würde.


 


„Mach’s gut! Und danke nochmal, dass du heute Mittag die Stellung gehalten hast. Ich werd mich mal revanchieren, ver-sprochen!“
„Ist gut, Steffen. War ja sehr ruhig. Also, gute Nacht!“
Louisa hatte den Knoten, den sie die vergangen Stunden in ihrem Haar getragen hatte, gelöst. Ihr Haar fiel nun in blonden Locken über ihre Schultern, die sie in einen grauen Mantel gehüllt hatte, der vorne mit zwei Reihen von großen schwarzen Knöpfen geschlossen war. Es war Frühling, bald Sommer, doch die Abende waren in letzter Zeit wieder sehr kalt gewesen.
Ana saß noch immer an ihrem Laptop. Zwischenzeitlich hatte sie einen zweiten Kaffee bestellt und einen Muffin gegessen, doch mit dem Schreiben war sie so gut wie gar nicht weitergekommen, seit Louisa ihr angeboten hatte, ihr Kaffee nachzuschenken.

Nachzugießen, dachte Ana. Die Wortwahl der aufgedrehten Kellnerin hatte sie irgendwie beeindruckt. So ein völlig unschönes Wort, und dann auch noch von einer Germanistikstudentin. Sollte sie sich nicht ausgewählter ausdrücken können? Legten nicht sogar ihre Kommilitonen Wert darauf, die passenden Worte zu wählen? Und vor allem bei der Arbeit!

Und doch: Louisas unkomplizierte, leicht unpassende Wortwahl beeindruckte Ana irgendwie.
Gerade fragte sie sich, ob sie Louisas Worte irgendwie in ihren Text einbauen konnte, da stand diese auch schon wieder neben ihr.
„Du schreibst ja immer noch. Wie sieht‘s aus, hast du Lust noch wegzugehen? Ich treff mich noch mit ein paar Kommilitonen und Schulfreunden und allerhand anderen Leuten, bei denen ich teilweise gar nicht weiß, woher ich sie kenne, ehrlich gesagt, und es wird bestimmt lustig. Da sind immer massig neue Leute dabei, die höchstens zwei aus der Runde kennen, also musst du dir auch keine Gedanken machen, dass du da irgendwie, also, dings, naja, du weißt schon, und außerdem sind meistens auch ein paar dabei, die selbst schreiben. Der eine heißt Phillip, der ist voll okay, und die andere, ich weiß gar nicht, wie die heißt, aber sie schreibt, und sie kann echt gut mit Worten umgehen – das merkt man sofort. Und sie kennt so ziemlich jedes Buch – und mindestens dreimal so viele wie ich, und dabei dachte ich immer, ich kenne viel. Und ich hab von der – Sammlung und der – Sammlung alles gelesen, wirklich alles. Also… Was meinst du? Hast du Lust?“
„Klingt gut. Ablenkung kann ich wirklich gebrauchen.“
Damit klappte Ana ihren Laptop zu, steckte ihn in die Tasche, hing sie sich über und wandte sich zum Gehen; Louisa war schon aus der Tür und hielt sie auf.

11.8.11 19:39

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