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2. Bring dich doch selbst nach Haus

"Also... die Kerngruppe besteht eigentlich aus Jo, Carl und Maya, die bei mir im Jahrgang waren, und Matt, Phillip, Sven, Clemens und Richard. Angefangen hat alles mit Laura, die auch bei mir im Jahrgang war, und ihrem Bruder Clemens, der mit Matt, Phillip und Sven in die Schule gegangen ist. Und jeder brachte dann immer mal Leute mit, Richard ist zum Beispiel Jos Bruder, und so lernen wir immer mal wieder neue Leute kennen und gelegentlich bleibt jemand hängen. Du lernst die sicher schnell kennen, das sind alles Originale, da kann man sich Namen relativ leicht merken, finde ich. Ah, zwei Minuten."
Sie hatten die Straßenbahnstation erreicht. Es war inzwischen schon fast dunkel, die ersten Sterne funkelten am Himmel.

"Hey, Leute.", begrüßte Louisa die Gruppe, auf die sie zielstrebig zugelaufen war. "Das ist Ana."
"Hi."
"Hallo.", kam die Antwort im Chor, und bald wandten sich die meisten wieder ihren eben geführten Gesprächen zu.
Nur ein Augenpaar war noch auf sie gerichtet. Es war blau und gehörte zu einem schmalen, leicht länglichen Gesicht mit braunen Haaren.
"Hallo. Ich bin Johanna.", stellte der Mund sein Gesicht gerade noch vor, da stand auch schon eine Kellnerin bei ihnen.
"Hallo, kann ich euch schon was bringen? Wir haben noch eine Stunde Cocktail Happy Hour."
Sie hatte ihren elektrischen Block gezückt und alles an ihr sagte, dass sie bereit war: ihre Füße standen parallel auf dem Boden, ihre Hand war zum Schreiben erhoben und ihr Blick war den neuen Gästen zugewandt, wobei mindestens ein Augenwinkel nach dem Rest der Gruppe sah, für den Fall, dass dort jemand etwas wollte.
"Einen Sex on the Beach, bitte.", antwortete Louisa ohne einen Blick auf die Karte. Scheinbar trank sie diesen Cocktail öfter.
"Für mich auch.", sagte Ana.
Sie war ein Cocktailneuling und hielt es so für das einfachste, es den anderen nachzumachen, solange sie nicht wusste, was sie gerne trank. 
Von den anderen am Tisch bestellte nur einer noch etwas, einen Long Island Icetea. Er hatte dunkelblondes Haar und hellbraune Augen.
Ana saß auf der Bank am Rand, rechts von ihr Louisa, dann Johanna, links von ihr, auf Stühlen, ein Mann und dann eine Frau. Er hatte blonde Locken, die fast bis an die Schultern reichten, blaue Augen und Sommersprossen, sie hatte dunkelbraunes Haar zu einem lockeren Knoten zusammengesteckt und braune Augen. Sie war hübsch und hatte etwas Exotisches.
Plötzlich erwiderte sie Anas Blick und stellte sich vor:
"'Ey. Ich bin Amélie."
"Hey, hi. Freut mich. Ana."
Das war also die französische Austauschstudentin Amélie. Ihr Deutsch war gut, sehr gut, doch man hörte den Akzent etwas raus und das h bereitete ihr offensichtlich Schwierigkeiten.
Ihr ehemaliger Gesprächspartner mit den blonden Locken wandte sich nun auch Ana zu.
"Hi. Matt."
Mit charmantem Lächeln reichte er ihr die Hand, was Ana etwas verwirrt erwiderte.
Am anderen Ende der Bank erhoben sich einige Leute. Eine Blondine aus der Mitte wollte scheinbar auf die Toilette. Amélie schloss sich an, dann stand noch eine am anderen Ende des Tischs auf.
"Das ist übrigens Christin, die hab ich heute mitgebracht. Und die blonde, das ist Denise. Keine Ahnung, woher die kommt."
Dann sah Matt wieder zu Ana.
"Und du? Woher kennt ihr euch?"
"Aus dem Café."
Plötzlich wurde Ana bewusst, wie wenig sie hier verloren hatte. Sie kannte nicht einmal Louisa, die sie mitgenommen hatte, besonders gut, geschweige denn die anderen.
"Und was machst du so?"
"Ich studiere. Und du?"
Es war ein Angriff, der ihr die Flucht nach vorne ermöglichen sollte. Würde sie öfter herkommen, müsste sie vielleicht einen Fachwechsel erklären, und da sie ohnehin nicht fortsetzen wollte, was sie zur Zeit machte...
"Ich fang jetzt an. Ich wollte erst ein bisschen Pause machen und was sehen, ins Ausland gehen, sowas alles."
"Und, was hast du gesehen?"
Matt lachte abwinkend, trank einen Schluck.
"Nicht viel. Nicht genug."
Sein Lächeln wich einem ernsteren Gesichtsausdruck als er fortfuhr: "Ich hatte viele Ideen, viele Pläne, aber dann hat das nicht gleich so geklappt, wie ich wollte, und dann hatte ich keinen Bock mehr. Ich hab dann ein bisschen Musik gemacht und bin erstmal hier geblieben."
Ana nickte.
"Naja, dann bin ich drei Monate in Neuseeland gewesen, und das hat mir dann gereicht. Ich bin nicht der Typ für so Au Pair oder Work and Travel Sachen. Das ist nicht mein Ding. Wenn ich Geld hab, guck ich mir dann den Rest der Welt als freier Tourist an. Ohne Frau aber. Ich will bleiben können, solang ich will, ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Ich kann mir danach ja immernoch was Festes suchen."
Wieder wusste Ana keine andere Antwort als ein einfaches Nicken. Eine Pause trat ein, dann fragte sie:
"Und was wirst du studieren?"
"Tja,", sagte er und lehnte sich zurück, "das kommt darauf an, wo ich genommen werde. Ich bewerbe mich in erster Linie für Musik," (er machte eine Pause) "aber ich kann mir auch Schauspiel vorstellen. Mal abwarten."
Er untermauerte seine Worte mit Nicken, und Ana stimmte ein.
"Wohnst du hier?"
"Ja.", das Nicken schwang in ihrer Antwort nach. "Ja, hier ganz in der Nähe, in der ---straße."
"Was, echt?"

"Ja."
"Cool. Ich wohn im ---weg!"
Der ---weg verlief parallel zur ---straße, nur eine Straße lag dazwischen. Am einen Ende mündete der Weg zwar in einen Wendehammer ohne Fußgängerdurchgang, doch auf der anderen Seite ließ sich die Straße, in der Ana wohnte, leicht erreichen. Je nach Hausnummer waren es maximal drei Minuten vom einen zum anderen, doch darauf fiel das Thema an diesem Abend nicht.
"Ist ja Wahnsinn. Und wo studierst du?"
"---stadt."
Er nickte.
"Da werd ich eher nicht hingehen, denk ich. Nicht, wenns mit Musik klappt, jedenfalls."
Ich muss aufhören, dauernd so blöd zu nicken!, dachte Ana. Matt nickte bei den meisten seiner Aussagen, und Ana stimmte mit ein, ohne je damit aufzuhören, schien ihr.
"Machst du Musik?"
"Ja."
Mit der Antwort hatte er nicht gerechnet, das war offensichtlich. Dummerweise hätte Ana eigentlich sagen müssen, dass die Musik gemacht hatte, nun aber keine Zeit (und Lust) mehr dafür fand.
Sie beschloss, zu nicken, dann den Kopf still zu halten, und zu warten, bis er wieder sprach, ohne fortzufahren. Wenn er nach den Instrumenten fragte, konnte sie immernoch berichten, was sie in ihrer Wohnung stehen hatte, und das müsste dann eben ausreichen.
"Und was genau?"
"Gitarre und Klavier vor allem."
Zu sagen, dass die Gitarre in ihrem Schlafzimmer und das Klavier in ihrem Wohnzimmer stand, war ihr dann doch peinlich. Es klang, als wären es nur Accessoires ihrer Wohnung, und diesen Eindruck wollte sie bei Matt nicht erwecken. Nicht am ersten Abend, an dem sie sich sahen, sie wollte einen guten ersten Eindruck hinterlassen.
Ihre Unterhaltung wurde von der Kellnerin unterbrochen, die die Cocktails brachte. Da Ana sich zurücklehnen musste, um den Armen der Kellnerin zum abstellen der Getränke Platz zu machen, wurde der Rahmen ihrer Gesprächspartner offener.
Denise, die Blondine für die vorher alle aufgestanden waren, beugte sich über den Tisch und stellte sich vor. Christin tat es ihr gleich und warnte dann scherzhaft:
"Lass dir von Matt nur nix erzählen, der ist ein echter Schürzenjäger!"
"Alles klar.", erwiderte Ana, nicht ohne sich zu fragen, ob Christin damit nicht vielleicht eher sagen wollte, dass Matt nur noch ihr Schürzenjäger zu sein hatte.
Sie wurde von Louisa abgelenkt, die mit ihr anstoßen wollte.
Und dann trank sie ihren ersten Cocktail.
Er schmeckte süß, aber auch nicht zu süß, und war gut gekühlt. Der Alkohol kam erst sehr spät durch und auch nur sehr leicht. Ana, die bisher ihr Colabier mit Cola gemischt hatte, war begeistert, schaffte es jedoch, eine professionelle Miene aufzusetzen, als hätte sie diesen Cocktail schon tausend Mal getrunken.
Louisa hatte ihr Glas unterdessen wieder abgestellt und fingerte nun an dem Marshmallow rum, der, mit einem Gummibärchen, an einem Spieß, der im Cocktail stand, festgemacht war.
"Ich liebe Fruchtsäfte.", sagte sie und sah erst Jo, dann Ana an. "An Silvester haben wir selbst Cocktails gemacht. Die waren auch sooo gut. Haben teilweise ein bisschen unappetitlich ausgesehen, aber sie waren gut!"
Jo stimmte ihr zu.
"Und dann hast du so einen gemacht, wie hast du den genannt? Wo du von allem ein bisschen rein gemacht hast?"
"Ah, All In!", lachte Louisa.

Ana zog interessiert die Augenbrauen hoch.
"Ich hab alles rein gemacht, also fand ich All In ziemlich passend. Du musst gar nicht so gucken, Matt!", fügte sie hinzu, dann streckte sie ihm die Zunge raus.
Ana wandte sich um. Es war zu spät, um zu sehen, mit welcher Mimik Matt Louisa verärgert hatte, doch nicht, um zu sehen, dass er sie nun überaus charmant anlächelte.
"Na, jedenfalls war das genial.", meldete sich Louisa wieder zu Wort.
"Außer, dass ich nicht so lang durchgehalten habe.", warf Jo ein.
"Wie lang habt ihr denn gemacht?", wollte Ana nun wissen.
"Also, ich so bis um sieben oder so."
"Und ich nur bis um vier, glaub ich. Dann war ich müde."
Bevor Ana irgendetwas bemerken konnte, wollte Matt wieder Aufmerksamkeit.
"Was hast du so an Silvester gemacht?", fragte er.
Ana öffnete den Mund, um zu antworten, biss sich dann jedoch auf die Lippe, ließ sie sofort wieder los und sagte schließlich ausweichend:
"Naja, das Übliche."
Sie nahm noch einen Schluck und entzog sich so eine näheren Erläuterung. War es, weil sie es nicht genauer wissen wollten, oder weil sie ihr nicht zu nahe treten wollten und etwas gemerkt hatten, jedenfalls ging keiner genauer darauf ein.
Matt wechselte das Thema.
"Ich finde, Silvester wird sowieso überbewertet. Ich mag den Winter eh nicht. Viel zu kalt."
"Ja, stimmt, der Sommer ist mir auch viel lieber.", beteiligte sich Louisa.
"Und wie siehst du das?", fragte Matt Ana.
"Frühling. Ich liebe den Frühling. Es wird endlich wieder wärmer, und heller, und alles beginnt zu blühen... das ist meine liebste Jahreszeit."
Ana lächelte und sah einen Augenblick gedankenverloren auf die Tischplatte, dann trank sie noch etwas von ihrem Cocktail.

"Hey, Isa, wie kommst du nach Hause?"
Sven, dachte Ana, das ist Sven.
Im Lauf des Abends hatte Ana die Namen der Anwesenden gelernt und, wie sie meinte, auch etwas über ihre wesentlichsten Eigenschaften.
Sven beispielsweise, dem sie den Long Island Icetea nachgemacht hatte, redete gerne und viel. Er hatte die Gelegenheit genutzt, als Louisa und Johanna auf die Toilette gegangen waren, und war ebenfalls aufgestanden. Nachdem Clemens und Ana sich wieder gesetzt hatten, nahm er den Platz auf der anderen Seite von Ana ein, von wo aus er ihr viel erzählte und sie gelegentlich zum Lachen brachte.
"Zu Fuß.", antwortete Louisa. "Du auch?"
Sven nickte.
"Dann begleite ich dich gerne und pass auf, dass dich niemand klaut.", ergänzte Louisa, während sie ihre Jacke zuknöpfte.
Sven runzelte zur Antwort die Stirn und zog dann die eigene Augenbraue hoch, sagte aber nichts.
Matt wandte sich gerade Ana, die für ihren zweiten Cocktail eigentlich zu wenig gegessen hatte, zu, als Phillip plötzlich vor ihr stand.
"Ich hab gehört, du wohnst in der ---straße. Ich kann dich nach Hause bringen.", bot er an, wobei es eher wie eine beschlossene Sache als wie ein Vorschlag klang.
"Äh, okay... Naja, Matt wohnt da grad um die Ecke, also..."
"Ja, ich weiß. Er wohnt im ---weg, direkt im Wendehammer, und ich wohne am offenen Ende der Straße."
"Ah. Ja, dann haben wir ja alle denselben Weg. Dann können wir ja alle drei gemeinsam gehen."
"Find ich auch.", nutzte Matt die Gelegenheit.
Phillip hatte dem nichts entgegenzusetzen.
Gemäß Wohnort gingen Louisa und Sven schließlich nach links, Amélie, Denise und Clemens geradeaus, Christin, Richard und Johanna in die entgegengesetzte Richtung, und Ana, Matt und Phillip nach rechts.

Ana lief in der Mitte. Matt, der den Abend über eigentlich sehr gesprächig gewirkt hatte, war nun relativ still. Er beschränkte sich auf ein gelegentliches Lachen oder Schnauben, auf das Phillip jedoch nie einging, ob er es nun hörte oder nicht.
Nachdem Sven sich neben sie gesetzt hatte und Johanna und Louisa von der Toilette wiedergekommen waren, waren sie so aufgerutscht, dass Ana Matt gegenüber saß. Sie hatte sein Mienenspiel also schon kennengelernt, verstand allerdings nicht, was er damit bezweckte. Mochte er Phillip womöglich nicht? Und wenn, warum?
Phillips Art, sich mit Ana zu unterhalten, hatte nichts mit Matts gemeinsam. Phillip zog es vor, von sich selbst zu reden, und Ana dann Pausen zu lassen, in denen sie ihre Sicht erzählen konnte, wenn sie denn wollte. Er ließ das Gespräch einfach laufen und vermied so den Eindruck, er arbeite eine Checkliste ab.
Phillip war nach einem Fachwechsel erst kürzlich wieder hergezogen, nachdem er in einem anderen Teil des Landes zwei Semester studiert hatte. Seine Wohnung wirke nun noch etwas herzlos eingerichtet, und seine Kochkünste ließen ordentlich zu wünschen übrig.
Ana erwiderte, dass ihr das nur allzu gut bekannt sei, und sie verabredeten sich zum Kochen.
Als das Gespräch schließlich von Musik auf Literatur kam, verlor Ana ihre Skepsis Phillip gegenüber. Er hatte nahezu genauso viel gelesen, wie die geheimnisvolle Fremde, von der Louisa ihr im Café erzählt hatte. Und dann sagte er auch noch:
"Ich suche auch immer nach Texten, die mich inspirieren, und je mehr ich lese, desto sind meine Chancen natürlich. Ich mag das Prinzip der Intertextualität. Und ich will in meinen Texten auch Anspielungen auf andere Texte einbauen können, aber subtil, nicht so auffällig."
Ana war beeindruckt. Sie spürte immer eine besondere Euphorie, wenn sie in Büchern Bezüge zu anderen Dingen oder Themen fand, die sie verstand, weil sie die entsprechenden Texte gelesen hatte. Sie sah diese Dinge als Feinheiten der Kunst, die eben nicht jeder bemerkte und die dadurch 'Kunstmenschen' von gewöhnlichen Menschen abhob.
Als sie den ---weg schließlich erreichten, sagte Matt:
"So, dann lass ich euch Turteltauben mal alleine."
"Turteltauben?", fragte Ana irritiert.
Sie standen im Schein einer Laterne. Links von ihnen war gut der Wendehammer zu sehen, wo Matt wohnte. Sie standen am 'offenen Ende', wie Phillip es vorher genannt hatte, also musste auch seine Wohnung links von ihnen liegen.
"Was'n los?", fragte sie Matt deshalb.
"Ach... nichts. Gute Nacht."
Mit völlig veränderter Miene umarmte Matt Ana, dann wandte er sich an Phillip. "Mach's gut, Mann."
Einen Augenblick standen Phillip und Ana noch im Laternenschein und sahen Matt nach, dann wandte Phillip seinen Blick zu Ana.
Seine blauen Augen schienen sich in ihre zu bohren.
Stechend, dachte Ana. Stechend blaue Augen, im wahrsten Sinne des Wortes.
"Hättest du noch Lust auf einen Kaffee?", fragte er.
"Gern.", antwortete sie spontan.

Das Haus, in dem Phillip wohnte, sah aus wie nahezu jedes andere in der Straße. Es war ein Mehrfamilienhaus für sechs Parteien, seine Wohnung lag auf der linken Seite ganz oben.
Er hatte Recht, seine Wohnung wirkte herzlos eingerichtet. Einige Ecken sahen aus, wie eins zu eins aus dem Katalog übernommen, was eigentlich nichts Schlechtes war, doch da andere Ecken sehr leer wirkten, sah es seltsam aus. Außerdem schien der rote Faden zu fehlen, den man bei Ana ganz eindeutig sehen konnte. Das antwortete sie ihm auch, als er sie nach ihrem Eindruck fragte.
"Vielleicht kannst du ja einen roten Faden in meine Wohnung bringen.", schlug er vor. "Nur eben nicht unbedingt in rot."
Ana lächelte. Nicht lustig, dachte sie dann, aber gut, es ist schon spät, und er hat sicher auch was getrunken...
Als der Kaffee fertig war, setzten sie sich an den Esstisch. Er stand mit dem einen Kopfende an der Wand, einer leeren weißen Wand.
"Da fehlt ein Bild.", sagte sie, wobei sie ihre Tasse mit einer Hand hochhob und mit dem Zeigefinger auf die Wand zeigte. Dann nahm sie einen großen Schluck Kaffee und spürte sofort, wie ihr Kopf klarer wurde.
"Ja... da hast du Recht. Malst du mir eins?"
Es klang charmant, aber auf seltsame Weise. Sie konnte es nicht genau beschreiben (auch nicht, als sie es später versuchte, als Übrung für ihr Buch oder um diesen Abend festzuhalten). Möglicherweise klang es wie erlerntes Charmantsein - also nicht natürlich. Aber das Wort 'unnatürlich' schien ihr nicht sehr zutreffend.
"Ähm... ich male gar nicht."
"Doch.", erwiderte er mit demselben merkwürdigen Charme, und mit einem Zwinkern, dass scheinbar eine seiner Angewohnheiten war. Er lächelte noch immer.
Ana runzelte die Stirn (ohne es recht zu merken) und versuchte, einen Hinweis zu finden - in seiner Mimik oder in seinen Worten. Oder vielleicht würde er sich ja erklären, wenn er in ihrem Blick las, dass sie nicht verstand.
Doch er sagte nur:
"Och, Ana.", und lachte dann.
Hatte er also einen Scherz gemacht?
"Ist das eigentlich dein voller Name? Ana?", fuhr er fort.
"Eigentlich Anabel.", antwortete sie.
Der Themenwechsel und der Kaffee trugen dazu bei, dass sie sich nicht weiter damit beschäftigte, wie er sich verhielt, weder, wenn er irgendwie charmant wirkte, noch, wenn er scheinbar scherzte. Sie blieb nicht allzu lang, da es ohnehin schon spät war, doch sie verabredeten sich, einige Tage später gemeinsam zu kochen und er bot ihr Gitarrenunterricht ("Ich hab mal Gitarre gespielt, aber ich glaub, ich hab fast alles wieder verlernt..." - "Wir könnten mal zusammen spielen." ) und Tanzstunden an ("Das macht wirklich Spaß, Ana!" ) - und dann war da noch das Schreiben. Er würde etwas raussuchen, versprach er.
Dann brachte er sie nach Hause, er bestand darauf, und wünschte ihr eine schöne gute Nacht.
Ana lag danach noch etwa eine Stunde wach und versuchte, in Worte zu fassen, was sie erlebt hatte. Sie dachte an die Blicke, die Matt und sie sich zugeworfen hatten, als sie gegenüber voneinander gesessen hatten. Dann dachte sie an den Heimweg und seine Verabschiedung.
Es war seltsam, aber irgendwie kam es ihr vor, als hätte sie alle schon vor langer Zeit kennengelernt, dabei war es ein einziger Abend gewesen.
Sie träumte von stechenden blauen Augen und von Christin, die immer wieder sagte: "Ich warne dich!" - zu Ana oder zu Matt?

11.8.11 21:55

Letzte Einträge: 5. Ana an Matt, 6. Phillip an Ana, 7. Phillip an Louisa, 8. Matt an Louisa, dear sir and ma'am

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