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4. Phillips Geständnis

"Okay, genug jetzt!"
"Aber wenn du das jetzt nicht aufbaust garantiere ich dir, dass das noch mindestens eine Woche lang so rumliegt!"
"Ach Quatsch, die zwei Schrauben sind doch schnell mal reingedreht."
"Hm."
Ana hätte es bevorzugt, Phillip hätte alles mit ihr aufgebaut, danach wäre es sicher auch spät genug gewesen, um zu gehen, doch nun waren es noch drei Stunden bis zur Party, und so lange brauchte sie natürlich nicht, um sich fertigzumachen.
"Komm her, ich will dir was zeigen."
Widerwillig folgte sie Phillip in sein Schlafzimmer.
Es war ein kleines Zimmer, das von dem Bett und dem Kleiderschrank voll ausgefüllt wurde. Sie hatten ein Bild für die kahle, weiße Wand über dem Kopfende gekauft, und mehr war in diesem Zimmer auch nicht zu tun, abgesehen vielleicht von bunter Bettwäsche und Vorhängen, was Phillip jedoch für überflüssig hielt.
Und dort hing es nun.
Auf dem Bild war eine Hängebrücke zu sehen, die irgendwo im Nebel verschwand. Zwar konnte man Bäume auf der anderen Seite erkennen, und auf der rechten Seite ließ sich erahnen, dass die Bäume sich in Wasser spiegelten, doch es herrschte auf jeden Fall Ungewissheit: Darüber, was unter der Brücke war, und darüber, was einen auf der anderen Seite erwartete.
Ana hatte das Bild fasziniert angestarrt, und Phillip hatte es, wie aus einer Laune heraus, gekauft - und das, obwohl es keinesfalls billig gewesen war.
Und nun hing es über seinem Bett.
Ana nickte anerkennend.
"Es passt wirklich gut dort hin.", sagte sie.
Phillip nickte zustimmend.

Abgesehen vom Bild hatten sie eine neue Couch, ein breites Regal und einige Kleinigkeiten wie Kerzen und Bilder in Postkartenformat für seine Wohnung gefunden, außerdem einige Kissen für die Couch und einen Textilstift, um sie zu bemalen.
"Ich mal dir grad noch das Kissen an und dann geh ich so langsam. Dann kann ich noch ein bisschen was erledigen vor heute Abend."
"Ich dachte, du hast nichts zu tun?"
"Ja, schon.", entgegnete Ana und begann, nach einer Erklärung zu suchen. "Nichts, was dringend getan werden muss, aber einiges, was demnächst anliegt."
"Ah. Okay. Sollen wir nachher zusammen hingehn?"
Ana runzelte die Stirn.
"Das ist doch eh höchstens eine Minute Fußweg. Aber ich weiß auch gar nicht, wie lang ich brauche, vielleicht komm ich erst etwas später."
"Okay.", sagte er gleichgültig mit den Schultern zuckend.
Ana konzentrierte sich auf das Kissen. Sie wollte heim, ein bisschen alleine sein, Tagebuch schreiben und vielleicht auch kurz schlafen. Sie war müde, trotz der vier Tassen Kaffee, und es würde wieder spät werden.
Matt würde da sein.
Doch es fiel ihr nichts ein, und je mehr sie überlegte, desto weniger inspiriert fühlte sie sich.
Schließlich fiel ihr ein Film ein, den sie vor kurzem gesehen hatte, und sie schrieb: "God grant me the serenity to accept the things I cannot change, the courage to change the things I can, and the wisdom to know the difference." Sie verschnörkelte die Buchstaben etwas, war mit dem Ergebnis unzufrieden, und präsentierte Phillip, der ihr gegenübersaß, schließlich das Ergebnis mit:
"Tada."
Er las, lächelte, und machte das für ihn scheinbar typische "Ooh.", das in diesem Fall wohl sagen sollte: "Das hast du aber schön gemacht."
Tatsächlich sagte er:
"Das ist schön, danke."
Ana hob die linke Augenbraue leicht an und antwortete:
"Kein Problem."
Dabei erhob sie sich von der Couch und kurz darauf stand sie auch schon auf der Straße.
Es war ziemlich kühl für Mai, fast herbstlich, und obwohl sie den Frühling allen Jahreszeiten vorzog, sehnte sich Ana auf einmal nach dem Herbst.

Wie sie es bereits geahnt und auch fast ein bisschen beabsichtigt hatte, ging Ana erst zehn Minuten nachdem sie sich eigentlich treffen wollten los.
Als sie nach Hause gekommen war, hatte sie sich zuerst in die Badewanne gelegt. Dort war sie kurz weggenickt, doch insgesamt badete sie nur dreißig Minuten. Sie ließ ihre Haare an der Luft trocknen während sie versuchte, zu schreiben, wobei sie jedoch mehr Zeit damit verbrachte, an ihren Nägeln zu kauen, als zu tippen. Zur Ablenkung beschloss sie schließlich, sich zu schminken. Sie wollte etwas Neues ausprobieren, was zur Folge hatte, dass sie sich drei Mal wieder alle Farbe aus dem Gesicht wusch. Nach einer dreiviertel Stunde etwa war sie zwar fertig geschminkt, sah jedoch wie immer aus.
Ähnlich verhielt es sich mit ihren Haaren. Sie wollte sie hochstecken, doch wenn etwas mal originell aussah, wollte es nicht halten. Schließlich ließ sie ihr Haar offen.
Sie hatte noch Zeit und überlegte, noch etwas zu essen, kleckerte auf ihr Oberteil und verbrachte die folgenden vierzig Minuten damit, sich acht Mal umzuziehen. (Sie nahm schließlich das erste Kleid, das sie dabei angehabt hatte.)
Zu guter Letzt, nachdem sie alles aufgeräumt hatte, warf sie einen letzten Blick in den Spiegel und verließ unzufrieden und mit Verspätung ihre Wohnung.
Als sie im algería ankam, sah sie zuerst Sven. Er stand in einer Ecke mit einigen Leuten, die Ana noch nie gesehen hatte. Da sie weder an neuen Bekanntschaften, noch an Svens Geschichten in diesem Moment besonderes Interesse hatte, ließ sie ihren Blick weiter durch den Raum schweifen. Sie fand niemanden und ging schließlich an die Bar.

"Der Wodka Cranberry soll ganz gut sein. Jedenfalls mögen den viele Frauen.", sagte eine Stimme neben ihr.
Die Stimme und ihr Besitzer kamen Ana bekannt vor, doch es dauerte einen Moment, bis sie den passenden Namen fand.
"Clemens - richtig?"
"Jap."
Wie so oft in diesen Tagen nickte Ana.
"Alles klar. Dann werd ich wohl mal Wodka Cranberry probieren."
Sie bestellte und musste nicht lange warten.
"Hallo!"
Das ist die von Silvester, dachte Ana. Aber wie heißt die denn?
"Hey, hi."
Während Clemens etwas zu der Namenlosen sagte, nippte Ana an ihrem Wodka Cranberry, wobei sie nicht merkte, dass sie dabei zwei sehr große Schlucke nahm.

"Die wollen die verkuppeln."
Ana stand mit dem Rücken an eine Wand gelehnt und beobachtete die Tanzfläche. Sie sah in Richtung Louisa, die mit einer Blondine, einem braunhaarigen Kerl und Sven halb tanzte und mehr redete. Ana stellte sich vor, wie Louisa Svens Geschichten mit ironischen Bemerkungen kommentierte, so wie am ersten Abend, als sie gesagt hatte, sie könne ihn gerne nach Hause bringen.
"Wen?", fragte Ana und sah nach links. Neben ihr stand, mit honigsüß lächelnden Augen und blonden Locken, die ihm in die Stirn fielen, Matt.
"Louisa und Sven.", sagte er mit festem Blick in Anas Augen. "Maya will das - die Blonde - und ihr Freund Timo will das. Und Johanna, und Clemens, und Richard und Dominik... fast alle, denk ich."
"Und du?"
Matt sah kurz zu Louisa rüber, dann wieder zu Ana.
"Ich find Verkuppeln total scheiße, weil da eigentlich immer Mist bei rauskommt, aber ich kann Sven nicht leiden. Wenn er ne Freundin hat ist er vielleicht mal still."
Er warf noch einen Blick zur Tanzfläche.
"Aber Louisa tut mir leid. Die ist doch viel zu hübsch für ihn."
Ana wusste nicht, was sie dazu sagen sollte, doch Matt sprach auch ohne einen Kommentar von ihr weiter.
"Sven ist einfach ein Vollpfosten. Du hast ja mitbekommen, was der immer für Scheiße labert, und ganz ehrlich, der kann noch schlimmer."
Er sah ihr beschwörend in die Augen, als würde sein Blick seinen Worten eine extra Portion Glaubwürdigkeit verleihen.
Wieder nickte Ana stumm, doch diesmal fuhr Matt nicht fort. Er schien mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Schließlich fiel ihr ein:
"Warum wollen die sie dann verkuppeln?"
"Hm?", machte er. Seine Gedanken mussten ihn weit fortgetragen haben.
"Warum wollen sie Louisa und Sven verkuppeln, wenn sie doch gar nicht zusammenpassen?"
"Vielleicht weil Louisa eh immer Pfosten als Freund hat."
Ana war empört über diese Bemerkung. Sie kannte Louisa noch nicht lange, aber was Matt gesagt hatte, klang in jedem Fall wie eine Beleidigung.
Dabei hatte er es gar nicht so gemeint. Was Ana nicht wusste, war, dass Matt schon einige Male mit Louisa gesprochen hatte, weil er ihre Wahl nicht verstand. Einmal, kurz nach einer Trennung, hatte sie ihm zugestimmt, und seitdem war sie Single.
So stand Ana nun nur mit erhobenen Augenbrauen da und sagte nichts, auch weil sie nicht wusste, was.
"Keine Ahnung, warum.", fügte Matt seiner Antwort schließlich hinzu. "Aber ist ja auch nicht mein Problem. Entweder, sie wird drauf eingehen, oder sie wird es lassen."
Er musterte Ana, die den Blick zwar spürte, doch weiterhin auf die Tanzfläche sah. Sie versuchte, mit neutralem Gesichtsausdruck so zu wirken, als beobachte sie die Leute.
"Bist ja ganz schön gesprächig heute.", bemerkte Matt nach einer Weile.
"Ja... naja.", konnte Ana dazu nur erwidern.
"Okay, dann geh ich mal gucken, was die anderen so machen."
Ana nickte und biss sich auf die Lippe.
"Huhu!", kam es kurz darauf von rechts.
Phillip.
"Hi!", antwortete sie mit aufrichtigem Lächeln. "Ich hab dich noch gar nicht gesehen."
"Ja, ich war bei Karen und Jasmin, die stehen da drüben."
Er wies mit dem Arm irgendwo hinter die Tanzfläche. Von dem, was dort hinten lag, sah man von diesem Standpunkt aus nichts. Dorthin verschwand auch Matt gerade.
"Und dann war ich kurz bei Jo am Tisch", er zeigte zu den Tischen am rechten Rand der Tanzfläche, "und hab mit ihnen über Lou und Sven geredet."
"Bist du also auch von einer der Verkuppel-Truppe?"
"Nein. Ich weiß zwar bescheid, aber ich halt mich da raus. Das schaffen die auch so."
Ana runzelte die Stirn.
"Was meinst du damit?"
"Lou und Sven. Also er ist ja da sowieso sehr offen, und Lou mag ihn denk ich wirklich sehr, von daher finden die schon irgendwie zusammen, solange sie sich nicht sehr blöd anstellen."
"Aha."
Louisa und Sven mögen? Ana konnte sich das nicht so recht vorstellen. Wie kam Phillip bloß auf solche Ideen?
"Wie kommst du darauf?", fragte sie ihn also.
"Ah, das ist sowas, wenn sie ihn ansieht, in ihren Augen. Da sieht man quasi die Funken springen, so von einem zum anderen und wieder zurück." Er untermalte die Funken mit seinen Händen, die in diesem Fall von ihm zu Ana und wieder zurück sprühten.
Was sie ganz sicher nicht tun, dachte Ana.

"Was meinst du, wie viel hat sie schon getrunken?"
Louisa sah überrascht nach rechts, von wo die Stimme gekommen war.
"Wer? Ana?"
Matt nickte.
Louisa grinste. "Ich hab keine Ahnung, aber ich denke, sie steht auf Cranberries und Clemens hat ihr gleich am Anfang Wodka Cranberry empfohlen. Aber ich denke, es hält sich noch im Rahmen."
"Ich seh schon, du passt auf. Wahrscheinlich hast du in Wirklichkeit mitgezählt."
"Haha. Vonwegen."
Louisa lachte.
"Stimmt, du warst ja auch beschäftigt.", stichelte Matt mit wissendem Blick.
Louisas linke Braue schoss in die Höhe.
"Ach ja? Ich glaube nicht."
Sie sah zu den Tanzenden, kurz darauf aber mit ernstem Gesicht zurück zu Matt.
"Mal ernsthaft. Denken eigentlich alle, ich will was von Sven?"
"Schlimmer. Wobei ich nicht weiß, ob das wirklich irgendjemand denkt. Oder ob es sie interessiert."
"Doch, Phillip ist sich da hundertprozentig sicher."
Nach einer kurzen Pause, in der neben Matts Worten auch der Unterton, mit dem er sie gesagt hatte, angekommen waren, schoss es aus Louisa heraus:
"Moment - was meinst du damit?"
"Was denn?", fragte er unschuldig.
"Wieso interessiert es sie nicht? Ich seh doch, wie alle um uns rumwuseln, und Jo und Richard sind extra woanders langgegangen die letzten Wochen, damit Sven und ich alleine laufen, obwohl er näher bei ihnen wohnt. Außerdem ist Jo sonst ja öfter noch mit zu mir gekommen über Nacht. Also, was - oh, warte!"
Louisa sah Matt mit großen Augen an.
"Die wollen doch nicht etwa - doch?"
Matt schürzte die Lippen.
"Womöglich..."
Louisa schlug ihn auf den Arm.
"Du weißt doch bescheid!"
Sie wollte anklagend klingen, doch sie musste lachen.
"Du! Du bist ja scheiße!"
Jetzt musste auch Matt lachen.
"Ganz ehrlich, dass du das jetzt erst merkst..."
"Was? Hallo?"
Den Blick auf die Tanzenden und Ana zurückwendend und Louisa "Du Zwerg." nennend, legte er ihr einen Arm um die Schultern, wobei er sich mehr auf ihre Schulter stützte, als sie wirklich zu umarmen.
"Du hast also echt nichts geahnt?", fragte er sie nach einer Weile.
"Woher denn. Wie denn. Ich war so damit beschäftigt, was mit Jo und Clemens und Carl ist... und... naja."
"Was?"
"Eigentlich wollte ich Sven mit Karen verkuppeln."
Matt prustete laut los.
"Du wolltest Sven verkuppeln? Und alle wollen ihn mit dir verkuppeln!"
"Naja, wirklich verkuppeln wollte ich ihn nicht.", wandte Louisa ein. "Aber er steht schon auf Karen, ode rmeinst du nicht?"
"Oh nein."
"Nicht?"
"Nein." Matt sah sie ernst an. Dann zuckte ein Lächeln in seinen Mundwinkeln. "Er liebt nur dich."
Dann lachte er wieder los und Louisa schlug noch einmal nach ihm.
"Haha."
"Nicht beleidigt sein."
Sie warf ihm, Augenbrauen hochziehend, einen skeptischen Blick zu.
"Keine Ahnung. Ich glaube, Sven steht einfach auf Frauen, der Rest ist ihm egal."
"Oah, das ist aber schon fies."
Nach einem Blick zu Sven ergänzte Louisa dann jedoch: "Aber irgendwie hast du wohl Recht."
Dafür lachte sie Matt sie aus, und an, und sah wieder zu Ana.
Er sieht nachdenklich aus, dachte Louisa, die ihn einige Minuten mustern konnte, ohne dass er es merkte.
"Hey, beobachtest du mich?"
"Hallo? Du stehst neben mir. Ich guck nur meinen Gesprächspartner an."
Er streckte ihr die Zunge raus.
"Magst du Ana oder magst du Christin? Oder bist dü vielleischt doch Amélie verfalln?"
"Haha!", machte nun Matt.
Dann sah er wieder ernst zu Ana, und auch Louisa wurde wieder ernst.
"Ich weiß es nicht." Er schüttelte den Kopf. "Keine Ahnung."

Nach und nach hatte sich das alegría wieder geleert. Johanna und Clemens waren unter den ersten, die gingen, doch dann folgten im Minutentakt unter anderen Richard, Denise und Karen. Es dauerte zwei Stunden, dann verabschiedete sich die nächste Welle, zu der auch Amélie, Maya und Timo gehörten.
Zwei weitere Stunden später waren kaum noch Leute da. Von denen, die Ana kannte, scheinbar nur noch Matt, Christin, Phillip, Sven und Louisa.
Closing time, dachte Ana. Plötzlich stand Phillip neben ihr.
"Ich bin noch gar nicht müde.", sagte sie zu ihm, bevor er etwas sagen konnte.
"Ich auch nicht.", entgegnete er.
"Hey, gute Nacht, wir gehen jetzt."
Louisa winkte und verließ dann mit Sven das Gebäude.
"Gitarrenstunde."
"Was?", fragte Phillip verdutzt.
"Du, und ich, und die Gitarre. Jetzt. Ja?"
Er lachte. "Okay."
Was aus Matt und Christin wurde, bekam Ana nicht mehr mit.

"Oh Mann! Ich hab so einen Ohrwurm, und ich komm einfach nicht drauf..."
"Wie geht denn der Text?"
Ana saß im Schneidersitz und mit einer Tasse frischem, heißen Kaffee auf der Couch in Phillips Wohnzimmer.
"Keine Ahnung." Sie sah ihn ratlos an. "Irgendwas mit closing time... now it's closing time..."
"Das ist in der Tat nicht viel Information."
Phillip stand, die Hände in die Seite gestützt, in der Nähe der Tür. Es war noch relativ dunkel in dem Zimmer, doch die Sonne ging bereits auf und es lohnte sich eigentlich nicht mehr, noch Licht an zu machen.
"Ich denk immer, es geht weiter mit shall I offer you a chair, aber das gibt keinen Sinn."
Einen Moment lang war es still im Raum und man hörte die Vögel draußen durch das offene Fenster zwitschern.
"Ah!", machte Phillip da plötzlich. "Ich weiß, was du meinst."
Er ging Richtung CDs, zögerte dann jedoch und drehte sich um.
"Aber ich hab das nicht. Ich könnte es spielen.", schlug er vor.
Ana nickte.
"Ich wollte ja eh was auf der Gitarre lernen."
"Hm.", machte er skeptisch. "Kommt drauf an, wie viel du noch kannst. Mal sehen."
Er holte ein Blatt aus einem Ordner, auf dem wohl die Akkorde standen, nahm Ana an.
Dann begann er zu spielen.
Gelegentlich schlug er die Saiten mit der rechten Hand einzeln an, doch Ana fand, dass es leicht genug aussah, und war überzeugt, dass ihre sieben Jahre Unterricht schon wiederkämen, sobald sie die Gitarre in der Hand hätte.
"Okay. Gib her.", sagte sie also.

Ana machte sich nicht einmal die Mühe, die Füße auf den Boden zu stellen. Stattdessen legte sie die Gitarre in ihren Schoß und halb über ihr linkes Bein.
Dann sah sie die Gitarre kurz fragend an, und dann zu Phillip.
"Und jetzt?"
Wäre es nicht so früh morgens und Ana geistig schon beinahe eingeschlafen, wäre ihr vermutlich peinlich gewesen, dass sie keine Ahnung hatte, was Phillip gespielt hatte. Sie hatte nur auf seine rechte Hand geachtet, und nun keine Ahnung, was sie spielen musste.
"C.", antwortete Phillip lächelnd.
Ana spielte intuitiv den ersten Akkord, der ihr in den Sinn kam, womit sie Phillip zum Lachen brachte.
"Nein, nicht Moll, Dur! Wenn ich Moll will, sag ich das schon."
Ana nickte, wie um zu sagen: Ach, klar, hätte ich mir denken sollen. Doch dann kehrte die Ratlosigkeit in ihren Blick zurück.
Sie hatte keine Ahnung mehr, wie man C-Dur spielte, und dass sie C-moll gespielt hatte, war auch eher ein Glückstreffer gewesen.
Phillip sah ihre Ahnungslosigkeit und kam ihr zu Hilfe, indem er ihr, den Akkord selbst greifend, zeigte, wie er ging.
Ana wollte nachmachen, was sie gezeigt bekommen hatte, doch sie bekam ihre Finger nicht mehr koordiniert.
"Nur drei Finger!"
Phillip setzte ihre Finger an die richtigen Stellen, während Ana zusah, als hätte das alles nichts mit ihr zu tun. Anschließend strich sie mit der rechten Hand einmal über alle Saiten, worauf Phillip wieder lachte.
Da Ana ähnlich begriffsstutzig fortfuhr setzte sich Phillip halb hinter sie und führte ihre linke und rechte Hand, bis sie einige Takte alleine hinbekam.
"Okay. Genug für jetzt.", erklärte Ana schließlich.
Phillip lachte wieder, als sie ihm die Gitarre zurückgab und sich anlehnte.
"Kannst du singen?"
"Hä?"
Wieder lachte er.
"Ob du singst."
"Oh.", machte sie, und schien dann nicht antworten zu wollen. Als hätte sie vergessen, dass man auf Fragen antwortete - doch dann sagte sie: "Ja."
Phillip gab ihr das Blatt, dass er vorhin aus dem Ordner geholt hatte. Dort stand der Text und oben drüber waren die Akkorde angegeben.
Ana endete schließlich mit "Guess I'll have another round.", obwohl das nicht das Ende des Liedes war, und dann geschah etwas Seltsames.

Ana fand es allerdings kaum seltsam.
Es war früh am Morgen und der Kaffee konnte nicht gegen Alkohol und Müdigkeit ankämpfen. Beides war in einem Maß vorhanden, das mit Kaffee kaum ausgeglichen werden konnte. Wäre sie wach gewesen, hätte sie vielleicht vorher gemerkt, was los war.
Tatsächlich ging es ihr ein bisschen wie Louisa.
Louisa hatte nicht bemerkt, dass es jemanden gab, der sie mochte, der sie sehr gern hatte, weil sie zu sehr von Sven und Matt abgelenkt wurde. Sie genoss ihr Singleleben, verbrachte viel Zeit mit Freunden und schien zu denken, je mehr sie mit Freunden sprach und lachte, desto besser.
Und Anas Kopf war schon voll mit den Worten und Gesten eines anderen, sodass ihr nicht auffiel, was sich anbahnte.
Sie sah einige Dinge nicht, weil sie nicht mit ihnen rechnete. Im Gegenteil, sie war sicher, dass einige Dinge an dieser Stelle noch nicht vorkamen.
Sie sah nicht die Bereitschaft, eine Wahl zu treffen, die maßgeblich von ihr beeinflusst wurde, sondern nur, dass derjenige dabei noch seinen eigenen Vorstellungen treu blieb.
Sie sah nicht das Interesse in den ihr zugeworfenen Blicken, weil sie nur hörte, wie davon die Rede war, dass in den Augen anderer Interesse für andere lag (und das bei Augen, in denen sie jedes Interesse ausschließen zu können glaubte).

"And I think that I just fell in love with you.", beendete Phillip das Lied.
Ana sah ihn etwas überrascht an. Sie hatte nicht erwartet, dass er auch sang, und auch nicht, dass er so singen würde. Es klang gut, aber ganz anders, als sie es von seiner Stimme erwartet hätte. Aber so ist das eben manchmal, manchmal ist die Singstimme ganz anders als -
Dann erst sah sie seinen Blick.
Ihre Gedanken verstummten.
"Das war so süß, wie du die Gitarre gehalten hast. So völlig unkonventionell."
Das klang wie eine Erklärung. Eine Erklärung für...?
"Du bist so wunderschön."
Ana bewegte sich keinen Millimeter. Hätte man sie später gefragt, hätte sie vermutet, sie hätte nicht mehr geblinzelt und auch nicht geatmet.
"Ich hab mich schon auf den ersten Blick in dich verliebt."
Nun war sie völlig sprachlos - und das, obwohl ihr schon seit drei Sätzen die Worte fehlten.

Aber wir kennen uns doch erst seit einer Woche!

16.8.11 17:16

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