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6. Betrachte das als Date.

Gedankenverloren schüttelte Louisa den Kopf.
Sie stand an einen Zaun gelehnt und wartete auf Sven, mit dem sie zum Essen verabredet war, und ließ dabei das Gespräch mit Matt Revue passieren.
Sie hatten sich am Vormittag zum Frühstücken getroffen, wie sie es seit einigen Monaten jeden ---tag taten. Was gibt’s Neues von Sven?, hatte Matt dann irgendwann gefragt, und Louisa hatte mit augenverdrehendem Kopfschütteln geantwortet und danach zu erzählen begonnen.
Sven hatte sie seit einigen Tagen immer wieder gefragt, ob sie mit ihm Essen gehen würde. Da einige ihrer gemeinsamen Freunde sie verkuppeln wollten, war Louisa zunächst davon ausgegangen, dass er scherzte, um die Angelegenheit vorzuführen. Mit der Zeit war ihr aber aufgefallen, dass er es ernst meinte, und das konnte für sie nur einen Grund haben: Er wollte mit ihr Essen gehen, damit die anderen aufhörten.
Und was dann?, hatte Matt gefragt, Dann fangt ihr zum Schein was miteinander an und dann die große Trennung?
Was weiß ich, hatte Louisa gedacht. Sie fand den Gedanken daran gar nicht so schlimm, immerhin spielte sie am Theater auch öfters die Frau oder Freundin von jemandem.
Zum Abschied hatte Matt sie noch einmal an seine Vermutung erinnert, Der steht auf dich. Wirst schon sehen.
Wir werden ja sehen, dachte Louisa, als sie Sven um die Ecke kommen sah und sich vom Zaun abstieß.
„Siehst gut aus.“, begrüßte er sie.
„Danke.“, hauchte sie mit zaghaftem Lächeln in die obligatorische Begrüßungsumarmung.
Bestimmt steht er wegen deiner Haare auf dich. Pink ist sicher seine Lieblingsfarbe!, fiel es ihr da ein, und sie musste sich ein Lachen verkneifen.
„Hm?“
„Nichts.“, strahlte sie ihn an. Ich bin nur fröhlich, was denkst du denn?
„Gehen wir rein?“
„Gut.“
Sven ging vor ihr und sah deshalb nicht, dass sie erneut breit grinsen musste. Wenn es so weiterging, würde sie viel Spaß an diesem Nachmittag haben.

„Danke.“
Die Kellnerin verschwand Richtung Küche.
„Und, was hast du gestern so gemacht?“
„Oh, nichts Besonderes. Ein bisschen Klavier gespielt.“
Tatsächlich hatte Ana, sich auf diese Frage vorbereitend, abends am Klavier ein paar Takte gespielt und davor den gesamten Nachmittag bei Matt verbracht. Ihr war nicht ganz klar, wieso, aber sie hielt es für klug, beide voreinander geheim zu halten, obwohl es beides nur Freunde waren. Die offensichtliche Antipathie zwischen ihnen, derer Ana am ersten Abend ihrer Bekanntschaft Zeuge geworden war, reichte aus, um sie in dieser Idee zu bestärken.
Zu ihrer Erleichterung wollte Phillip gar nicht genauer wissen, was sie gespielt hatte, oder was ‚nichts Besonderes‘ sein sollte. Es schien nicht seine Art zu sein, nachzufragen, davon ging Ana inzwischen aus.
Möglicherweise will er doch nur, dass ich von mir aus erzähle, dachte sie. Phillip lächelte die ganze Zeit.
„Was willst du heute noch machen?“
„Ähm…“
Wieso klang es, als würde es, was immer es werden würde, ihn mit einschließen? Sicher, sie hatte gesagt, sie wollte ihn besser kennenlernen, und das wollte sie ja auch wirklich, aber doch nicht im Eilverfahren?
„Oh, ich treff mich noch mit Louisa.“
Weil Louisa hoffentlich Zeit hat, dachte sie.
„Ah, ‘kay.“
„Und du?“
„Ich hab noch nichts vor.“
Dann zwinkerte er ihr sogar zu.

Louisa hatte schon oft bemerkt, dass sie sich in ihrem Redefluss ihren Gesprächspartnern stark anzupassen neigte. War ihr gegenüber eher still, sprach sie wenig und führte doch die Konversation an. War ihr Gegenüber eifrig am Erzählen, stellte sie schnelle Fragen, und hörte doch die meiste Zeit zu.
Bei Matt sprach sie dementsprechend in der Regel am meisten, wobei das auch daran lag, dass er einseitige Gespräche seltsam und unter Umständen sogar unangenehm verwirrend fand. Mit sehr stillen Menschen konnte er nichts anfangen, und allzu oft ging er davon aus, dass er sie einfach langweilte und sie deshalb schwiegen.
Sven war eigentlich jemand, der sehr viel sprach, sehr viel erzählte und sich gelegentlich wiederholte, vor allem wenn man ihn lange kannte oder nach einer Weile erstmals wieder sah. Von seinem Autounfall als kleiner Junge hatte er ihr daher schon drei Mal erzählt: Das erste Mal, als sie sich kennenlernten, das zweite Mal, als die Treffen in der Gruppe begannen, und das dritte Mal eine Woche nachdem sie Ana kennengelernt hatte, vor wenigen Tagen also. Er war nicht der Typ Mensch, bei dem man sich fragte, ob man das Schweigen persönlich nehmen sollte. Einsilbigkeit, Wortkargheit – das passte nicht zu Sven. Nie. Nicht einmal, wenn er krank war.
Dass er an diesem Tag ungewöhnlich still war (und sie hatten ihr Essen noch nicht bekommen, daran konnte es nicht liegen) machte Louisa Sorgen. Womöglich war es ihm doch ernster, als sie ahnte?
Um ihre Gedanken zum Schweigen und Sven zum Reden zu bringen, versuchte es Louisa mit etwas Small Talk.
„Wie läuft’s in der Uni? Ist das bei euch auch so chaotisch wie bei uns?“
„Nö, geht.“
Dann war er wieder still.
„Und was genau machst du jetzt nochmal?“
Eigentlich wusste Louisa ganz genau, dass er zu Maschinenbau gewechselt hatte, nachdem ihm BWL zu trocken gewesen war. Er war neben Phillip der einzige, der zu diesem Semester gewechselt hatte, sodass es nicht allzu schwer gewesen war, es sich zu merken. Ihre Frage war der Versuch, eine Konversation anzuleiern, die auf neutralem Terrain weiterlaufen konnte.
Doch ohne Erfolg. Seine Antwort bestand aus einem Wort:
„Maschinenbau.“
Louisa nickte.

„Also, Anabel.“, setzte Phillip an als die Kellnerin ihren Tisch verlassen hatte. „Du isst nicht allzu viel. Du sprichst nicht ganz so viel. Du machst Musik und du kannst gut singen. Erzähl mir was, was ich noch nicht weiß. Etwas, das kaum jemand weiß.“
„Ein Geheimnis also?“
„Nein, eine nicht so weit bekannte Tatsache nehme ich auch.“
„Hm…“
Sie überlegte. Es musste etwas sein, das in eine Reihe mit halbwahren Kleinigkeiten passte wie etwa dem wenig-essen (die Portion war einfach viel zu groß gewesen und ihr Appetit hingegen eher klein an diesem Tag) oder der Musik. Ein Hobby vielleicht, dachte sie. Dann kam ihr die Lösung.
„Ich liebe Kaffee.“
„Kaffee?“
„Ja. Total. Jeden Tag, und gerne auch mal mehr als eine Tasse am Tag.“
„‘kay.“ Phillip schien diese Information in seinem Kopf abzuspeichern. Dann wandte er den Blick von der Tischplatte wieder zu Ana und ergänzte: „Kaffee ist aber ganz schön ungesund.“
Ana resignierte innerlich. Diese Aussage hatte den Ausgang des Essens entschieden. Gedanklich formulierte Ana eine Art Kündigungsschreiben: Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass kein weiteres Interesse besteht. Ich will dich gar nicht mehr kennenlernen. Eine Szene aus einer Dating-Show ging ihr durch den Kopf: Ich wähle den Kaffee und lasse Kandidat 1 bei seinem gesunden Essen sitzen.
„Passiert.“, antwortete sie Phillip schließlich.

Ihr Heimweg war eine Art Flucht. Eine lustige Flucht.
Als Matt vor einiger Zeit eine nervige Verehrerin gehabt hatte, hatten er und Louisa ausgemacht, dass ein Anklingeln während eines Dates bedeutete, der andere sollte in gebührendem Abstand zurückrufen und so für die Fluchtmöglichkeit sorgen. Sie hatten den Ablauf schließlich perfektioniert.
Als Sven nun auf die Toilette ging, wählte Louisa in ihrem Handy Matts Nummer und ließ es nach Gefühl einmal klingeln. Sie hatte das Handy in der Tasche auf ihrem Schoß, sollte Sven also unerwartet früh zurückkommen, würde er nichts merken. Matt erhielt den Anruf, und da er wusste, dass Louisa sich zu diesem Zeitpunkt mit Sven traf, wusste er auch, dass er etwa zehn bis dreißig Minuten warten sollte.
Er entschied sich für zehn Minuten, die ‚schnelle Rettung‘ also, und so klingelte es kurz nach Svens Rückkehr bei Louisa in der Tasche.
„Der Fluchtwagen ist da, meine Liebe.“, sagte Matt.
„Oh, gut, dass du anrufst. Ich hätt’s jetzt fast vergessen. Ja, klar, ich denk dran. Ja, mach ich. Okay, bis gleich.“, antwortete Louisa.
Sie erzählte Sven, sie habe eine Verabredung vergessen, leider müsse sie nun auch direkt gehen. Überrumpelt von der Geschwindigkeit ihrer Worte und dem plötzlichen Aufbruch (sie wollten ohnehin gerade gehen, doch er hatte an ein gemeinsam-irgendwo-hingehen gedacht) stellte Sven keine Fragen, auch nicht nach einem weiteren Treffen, und der Abschied ging sehr schnell.
Erleichterung beschleunigte ihre Schritte und ließ sie durch den sonnigen Tag fliegen, direkt in ihre Wohnung, wo ihr Gast bereits wartete.

Wie eine Flucht, dachte Ana auf ihrem Heimweg. Eine geheime Flucht an einen nicht so geheimen Ort – geheim nur deshalb, weil der Umstand des Flüchtens nicht entdeckt werden darf. Sie verkniff sich ein Lachen. Ihre Gedanken waren doch wirklich absurd.
Phillip hatte sie eingeladen. Als Ana von der Toilette wiederkam, fing er sie mit ihrer Tasche in der Hand ab und machte deutlich, er hätte das mit dem Bezahlen schon erledigt. (Ihr wäre lieber gewesen, er hätte das klar gesagt, statt es so unterschwellig durchsickern zu lassen. Sie fand die Situation peinlich.)
Als die Sache klar war, ließ Phillip dann doch klare Worte folgen:
„Immerhin war das ein Date, da sollte man die Lady doch einladen.“
Ach ja, dachte Ana nur.
Sie ließ sich von Phillip zu Louisa fahren, was sie als großes Wagnis und gleichzeitig als die einzige Möglichkeit empfand.
Als sie das Summen des Türöffners hörte und Phillip um die Ecke verschwinden sah, durchströmte Ana ein Gefühl der Erleichterung. Sie flog die Stufen zu Louisas Wohnung hinauf und freute sich über den Sonnenschein draußen.

„Wieso hast du geklingelt?“, fragte sie eine Stimme noch bevor sie die Wohnungstür sah.
„Oh.“
Es war Matt, der da im Türrahmen stand.
„Was machst du denn hier?“
Fast wäre Ana vor Überraschung rückwärts die Treppe runtergefallen.
„Ich bin der Fluchtwagen.“
„Hä?“
„Soll Louisa dir erklären.“
Ana war inzwischen ganz oben angekommen. Matt ließ sie an sich vorbei in die Wohnung und nahm dann eine Jacke, vermutlich seine.
„Sie kommt gleich. Mach’s gut!“
Dann joggte er ohne ein weiteres Wort die Treppen hinunter. Ana konnte hören, wie die Haustür ins Schloss fiel.
Sie stand noch eine Weile so da und kam erst zu sich, als sie Schlüsselgeklimper hörte. Louisa.

16.8.11 20:02

Letzte Einträge: 5. Ana an Matt, 6. Phillip an Ana, 7. Phillip an Louisa, 8. Matt an Louisa, dear sir and ma'am

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