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dear sir and ma'am

Ich schreibe Ihnen, weil ich Ihren Sohn kannte.
Erst war ich nicht sicher, ob es eine gutze Idee ist, weil es "alte Wunden neu aufreißen" könnte, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie nicht jeden Tag an ihn denken.
Damals bei der Trauerfeier wusste ich nicht, was ich hätte sagen sollen, und irgendwie fühlte ich mich auch nicht in der Lage, zu Ihnen zu gehen und mich vorzustellen. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, aber ich will es versuchen.
...
Ich lernte ihn über gemeinsame Freunde kennen, zum Beispiel über Matt.
Ich war damals 'krawattenfasziniert', und Phillip zog seine irgendwann aus und Dominic versuchte, sie sich umzubinden. (Im Gegensatz zu ihm wusste ich, wie man sie bindet.) Es gab ein bisschen small talk à la "Ist das deine?" - "Nö, die ist von Phillip." und später, als Phillip ging, wusste ich, dass das seine Krawatte war, die dort noch lag. Ich brachte sie ihm quasi "hinterher" (er war ein paar Schritte entfernt) und so kam es zu unserer ersten kurzen Unterhaltung.
Ein paar Tage später waren wir beide bei Dominic auf einem Videoabend. Wir unterhielten uns und schließlich verabredeten wir einen Tanzkurs. eitere Kurse folgten, so vergingen wohl eineinhalb Jahre und später tanzten wir auch noch ab und zu.
Leider muss ich sagen, dass wir sonst eher weniger miteinander zu tun hatten. In seiner Wohnung war ich nur ein Mal. Wir waren ein paar Mal essen, und wenn ich heute an einem der Restaurants vorbeifahre, muss ich immer an ihn denken. Wenn ich zu einem Monty Python Filmabend eingeladen werde, muss ich an ihn denken. (Damals bei Dominic sah ich zum ersten Mal die "Ritter der Kokosnuss", die Phillip sehr mochte.) Wenn ich zwei Männer zusammen tanzen sehe, muss ich an Phillip und Dominic beim Walzer denken.
Ich weiß noch, dass er damals, als wir uns kennenlernten, Psychologie und Sinologie studieren wollte. Ich habe erst zwei Jahre nach ihm angefangen zu studieren und gleich zu Beginn das Fach gewechselt - ich wünschte, ich könnte ihm das sagen. Ich hätte so oft gerne seine Meinung gehört... Und ich hätte ihm auch gerne gesagt, dass er mir Mut gibt, weil er weitergesucht hat, statt frustriert und mit wachsendem Desinteresse Tierarzt zu werden.
Kurz vor seinem Tod war ich in Holland. Ich habe ihm eine Postkarte geschrieben - ich hab im lauf der Jahre so viele Postkarten von ihm bekommen... eigentlich schreibe ich fast nie welche, aber diesmal wollte ich es tun. Das Abschicken hat bloß nicht mehr geklappt, ich hatte auch die genaue Adresse nicht, also wollte ich sie ihm persönlich geben, wenn wir uns das nächste Mal sehen würden. Leider bekam er die Karte nicht mehr...
Eine seiner Karten, die aus London, hängt bei mir an der Wand, und auch eine aus Thailand.
Er hat mir die Merde-Reihe nähergebracht.
Es gab so viele Gelegenheiten, so viele Anlässe, ich wollte ihm so oft schreiben und immer hinderte mich etwas. Und nun... ist es zu spät.
Es gab einen Tanzabend (am Tag nach der Trauerfeier). Ich war unsicher, ob ich ihn fragen sollte, ob er Lust hätte, ich überlegte noch, als ich es erfuhr.
Anfangs sah ich überall Männer, die so aussahen, wie er. Bei der Trauerfeier dann traf es mich, wie ähnlich wir uns waren - ich hatte keine Ahnung. Noch heute binde ich meine Schuhe anders als die meisten Leute, dafür konnte ich früh lesen.
Ich muss bei so vielen Liedern an ihn denken - wir hatten einen sehr ähnlichen Musikgeschmack. Zahlreiche Lieder haben wir geteilt, auf viele haben wir gerne getanzt.
Wenn wir tanzten, harmonierten wir perfekt. Das habe ich sonst noch nie erlebt. Wir konnten uns unterhalten, mitsingen, und wenn wir aus dem Takt kamen, dann taten wir es beide gleichermaßen.
Ich bin nicht sicher, warum ich Ihnen schreibe. Ich denke, ich wollte Ihnen sagen, wir gerne ich ihren Sohn hatte und wie sehr ich ihn vermisse. Ich kann und will ihn nicht und nie vergessen, ich hoffe, meine Erinnerungen bleiben immer so gut erhalten. Er war einzigartig, liebenswürdig. Ein lustiger, fröhlicher Mensch. Ich bin froh, dass ich ihn kennen darf.
Es tut mir leid, wenn Ihnen mein Brief unpassend erscheint. Ich wollte mit Ihnen teilen, wie viel mir Ihr Sohn bedeutet und wie ich ihn kannte.
Ich wünschte, ich hätte noch mehr Zeit mit ihm gehabt.

2.3.12 22:54

Letzte Einträge: 5. Ana an Matt, 6. Phillip an Ana, 7. Phillip an Louisa, 8. Matt an Louisa

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